Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1914)
- Date
- 1914-12-01
- Page
- Seite 227 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Kalrbrrger: Ans meinem Kriegstagebuch II. 227 Aus meinem Kriegstagebuch. Von Rabbiner Dr. Salzberger-frankfurt a. Ul. II. Seelsorge im Felde. urch Mitteilungen des „Verbandes der deutschen Juden" und durch die im Berliner Gemeindeblatt veröffentlichten Briefe des Rollegen Dr. Baeck erfahre ich, daß meine jüdischen Amtsbrüder im Felde ein weit ausgedehnteres Arbeitsgebiet haben als ichj. Da die Armee, der ich zugewiesen bin, eine besondere Abteilung abzweigte, und ichs mich bei dieser zu "bleiben entschloß, bis sich vielleicht später beide Teile wieder vereinigen, ist mehr Wirkungskreis ein vergleichsweise enger. Rann ich so viele, zu denen ich als Seelsorger kommen sollte, nicht erreichen, so kann ich 'den anderen dafür Umsoviel mehr sein. Der Divisionsstab, dem ich angehöre, hat sein ehemaliges Überhaupt als Rommandierenden General an die Dstarmee abgegebezn. Der neue Divisionär zeigte mir das gleiche Entgegenkommen. Die Offiziere des Stabes wußten im Anfang nicht recht, wo sie mich einordnen sollten. Ern Rabbiner, der kam gewiß aus einer anderen Welt oder doch mindestens aus einem anderen Jahrhundert. Aber literarische, philosophische und religiöse Gespräche müssen ihnen wohl die Augen darüber geöffnet haben, daß auch "der Rabbiner ein Mensch ist, der mit beiden Füßen auf dieser lwohlgegründeten Erde steht, mitten in der Gegenwart, deren gewaltigen Umwälzungen er am wenigsten sich verschließen darf. Seitdem sind unsere Beziehungen geradezu herzlich. Für den Gottesdienst wurde mir ein geräumiger Betsaal angewiesen. Ehemals mag es ein Stall gewesen sein; aber warum soll eine Zeit, die Rirchen zu Pferdeställen wandelt, nicht auch einmal aus einem Stall ein Gotteshaus machen? Hier versammeln auch die beiden christlichen Rollegen ihre Andächtigen, da die Rirche von verwundeten belegt ist. Freilich, bei klarem Wetter halten sie ihre Andachten zumeist unter Gottes freiem Fimmel, und die Thoräle, von tausend Männerstimmen gesungen und von der Regimentskapelle begleitet, schallen gar feierlich Aber die weite Ebene dahin. Ehe ich als Feldgeistlicher einzog, nahmen wiederholt jüdische Rameraden an der kirchlichen Andacht teil und lauschten ergriffen der Predigt des Pfarrers — ein Zeichen für die Größe des religiösen Bedürfnisses. Es muß den Vertretern der beiden anderen Bekenntnisse nachgesagt werden, daß sie derjüdischen Zuhörern gegenüber die zarteste Rücksicht beobachteten. Von Polemik konnte ohnehin nicht die Rede sein, wo es nur einen Rampf gilt: gegen die Feinde des Vaterlandes. Aber eben deshalb begrüßten die Pfarrer die Ankunft des jüdischen Geistlichen mit nicht geringerer Freude als die jüdischen Soldaten selbst. Zn S. konnte man nun täglich um die Mittagsstunde die Irdische Dreieinigkeit des Glaubens die Dorfftraße hinaufwandeln sehen, und hier, in v., wohnt sie an einem viereckigen Platz, dessen eine Seite die Rirche und dessen drei andere Seiten je eineRonfession einnimmt; in der Mitte des Platzes, steht ein Tag und Nacht fließender Brunnen — ein Symbol der ewigen Wahrheit, aus der sie alle schöpfen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß dieselbe Einmütigkeit wie unter den Hirten auch unter ihren Herden herrscht. Mag hin und wieder vonseiten christlicher Mannschaften oder Offiziere ein unbedachtes Wort fallen, so ist es keinesfalls bös gemeint, eine bloße Reminiszenz aus vergangenen Tagen.