Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1914)
- Date
- 1914-12-01
- Page
- Seite 226 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Ar. wrd. Nsthfchild: Erfahrungen und Gedanken «brr den Weltkrieg Ergreifend ist die Erzählung des jüdischen Kaiserjägers, der beim Sturm auf Krasnik das Bajonett gebrauchend einen Russen tötete, dessen sterbendem Munde die Worte entrannen: Schema Jisroel. Ein Musterbeispiel für die vollständige Nationalisierung der Juden in den westeuropäischen Staaten bietet die Familie von Rothschild. Seit etwa JOO Jahren in England, Frankreich und Oesterreich ansässig, sehen wir die ursprünglich deutsche Familie, sich vollständig den nationalen Empfindungen und Interessen ihrer jeweiligen Staatsgenossen unterordnen. Die Londoner Rothschild's sind bsochtories: Lord Rosebery, der Schwiegersohn Lord Rothschilds, gehört zu den eifrigsten Hetzern gegen Deutschland. Das Wiener Lsaus Rothschild zeichnete 50 Millionen Kronen für die österreichische Kriegsanleihe. Der belgische Baron Lambert Rothschild wird als Vertrauensmann der Belgier nach England entsandt zur Beschaffung von Lebensmitteln für die belgische Zivilbevölkerung. Der französische Baron de Rothschild stellt Kaiser Franz Josef sein Adelsprädikat zur Verfügung. Und die patriotisch-deutsche Haltung der Frankfurter Linie Rothschild kennen wir doch Alle. Baron Schey ist aktiver österreichischer Leutnant in der Front. Rur in Fürstenhäusern finden wir eine Analogie für solche Auflösung persönlich familiärer Beziehungen in staatlichem Interesse. Denken wir nur daran, wie oft unser Kaiserhaus mit dem englischen König, dem Zaren verwandt und verschwägert ist — ganz zu schweigen von den engen familiären Beziehungen der übrigen Fürsten, des Königs der Belgier mit dem bayerischen Kronprinzen, des Prinzen Heinrich von Preußen und des Großherzogs von Hessen mit der Zarin. — Der Krieg von ist eine glatte Widerlegung des Uebernationalismus, des .völkischen Gedankens, der Rassenidee der Alldeutschen. Weder der pangermanismus noch der panslavismus kann gestärkt aus ihm hervorgehen, da wir ja auf beiden Seiten Germanen inr Bunde mit Slaven gegeneinander kämpfen sehen. Rennenkampf, dessen nächster verwandter diesen Sommer in Soden mein Patient und Gast war, ist so deutsch- — wie die polnischen und tschechischen Legionen Oesterreichs' slavisch sind. Der Staatsgedanke triumphiert über den Rassegedanken. Da der Krieg alle Rassefanatiker enttäuschen muß — können wir Juden der sicheren Hoffnung Raum geben, daß nach dem Krieg leine Zeit religiöser und politischer Duldung einsetzen wird. Innerhalb der Iudenheit der Welt brauchen wir die jetzige Zerrissenheit unserer Glaubensbrüder dann nicht zu beklagen, wenn durch diesen Krieg in allen Ländern die Juden Vollbürger werden. Die verbindende Kraft unserer Religions¬ und Stammesgemeinschaft wird später allen M en s chen zu Güte kommen und in höchstem Maße dazu 'beitragen, die Wunden dieses Krieges zu heilen — die Menschen zu versöhnen. Dann wird auch dieses gewaltigste Blutopfer nicht Umsonst gebracht sein — ein besseres Sichverstehen der Menschheit herbeigeführt werden — viel rascher durch diesen Krieg als es die schwerfällig sich entwickelnde Friedensidee jemals vermocht hätte.