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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 225

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 225 (sequence 5)
Language
German
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o o o o Nr. med. Rothschild: Erfahrungen und Gedanken über den Weltkrieg 225 des aufstrebenden Bürgertums und der akademischen Jugend Deutschlands Aufschwung mit Neid und Mißtrauen begleitet wurde. England und Frankreich als Prototype bürgerlicher Freiheitsstaaten wurden mit Freundschaftsbeweisen überschüttet — während Deutschland, dem die Mehrheit dieser russischen Intellektuellen Bildung und Erhebung zu westlicher Kultur verdanken, politisch und wirtschaftlich bekämpft wurde. Mit Schadenfreude meldete der russische Negierungstelegraph jede Ungeschicklichkeit unserer Negierung, die eine reaktionäre De!utnng zuließ. Ich erlebte in Marschau j)rotestnmzüge wegen des Eindringes der Polizei in eine katholische Kircheckn Berlin, wo j)olen widerrechtlich polnischen Gottesdienst erzwingen wollten. Zn allen russisch-liberalen Blättern — im Kopf jedes Kadetten und russischen Juden wurde es Axiom, daß Deutschland verwahre fjort politischer Knechtschaft und bürgerljcher Unfreiheit sei! Als Ausgangspunkt aller reaktionären Bestrebungen gilt dem russischen Kadetten unser Kaiser Milhelm. Nach der blutig niedergerungenen Revolution von $05 hatte uns er Kaiser mit dem Zaren eine Begegnung in den finnischen Schären. Seit dieser Zeit steht es für jeden Nüssen fest, daß der Zar von Kaiser Milhelm seine Ratschläge zur Unterdrückung der russisch-jüdischen Freiheitsbestrebungen empfängt. Die russische Regierung hat nicht nur nichts getan, um diesen unsinnigen Gerüchten entgegen zu wirken — sie hat es vielmehr gern gesehen, daß auch! in russisch-liberalen Kreisen ein künstlicher Haß gegen Deutschland — ausgehend von falschen Voraussetzungen — genährt wurde. Während somit ein einflußreicher Geil der russischen Zuden von einer Niederwerfung Deutschlands politische Freiheit erhofft, erwartet der andere Teil Hilfe von Deutschland im Kampf gegen die russische Reaktion, die sie aus eigener Kraft?nicht niederringen konnten. Es läßt sich nicht leugnen, daß im Zarenreiche Unterdrücker wie Unterdrückte, Thristen und Juden, echte Russen und Fremdvölker gleichmäßig auf die Kriegskarte gesetzt haben. Auch wollen wir Juden uns nicht verhehlen, daß trotz aller Verfolgung in vielen russischen Zuden aus wirtschaftlichen Gründen ruffifdies Staatsbewußt!'ein Wurzel geschlagen hat. Eine der merkwürdigsten Erscheinungen des Krieges ist es ja gerade, daß die immer und immer wieder „international" und „vaterlandslos" gescholtene Zudenheit in allen kriegführenden Ländern eins ist mit der übrigen Bevölkerung. Während man bis vor wenigen Jahren, und ganz besonders nach Einsetzen der zionistischen Bewegung, annehmen zu müssen glaubte, daß im Kriegsfall mit Rußland die Zudenheit der ganzen Welt eine Vernichtung der Zarenmacht herbeisehnen müßte — sehen wir heute die deutschen Zuden — deutsch fühlen, die englischen — englisch, die französischen — französisch, die russischen — russich und die Neutralen — neutral. Ich kann deshalb auch den englisierten Zangwill nicht so sehr verurteilen, vergessen wir doch nicht, daß in dem englischen Ministerium, das uns im Bunde mit Rußland den Krieg erklärte, zwei Juden Minister sind! Man kann kaum annehmen, daß diese Männer den heuchlerischen Versprechungen der Zarenregierung, nach dem Kriege die Zudenlage verbessern zu wollen, irgend welchen Glauben beimessen. Aber es zeigt sich eben jetzt, daß trotz des Bandes der Glaubensbrüderschaft, die Nationalisierung der europäischen Juden in ihren Adoxtivvaterländern so weit fortgeschritten ist, daß sie in allen Staaten willig und opferfreudig für ihre Staatsidee in das Feld gezogen sind.

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