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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 224

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 224 (sequence 4)
Language
German
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224 Nr. mrd. Rothschild: Erfahrungen und Gedanken über den Weltkrieg o o o o persönlichen Erlebnisse beim Kriegsbeginn als Kurarzt in Soden will ich hier mitteilen. Wir befanden uns in der Hochsaison. Tausende von Kranken aus aller Herren Länder waren an den Heilquellen Deutschlands zusammengeströmt — als Sonntag, den l. August um die 6. Mittagsstunde das Schicksalswort uns erreichte: „Mobil!" Ein Aufatmen ging durch Deutschlands Jugend, die des unerträglichen Hangens und Bangens müde — -Entscheidung verlangte. — Mit Tränen in den Augen zeigte mir der alte Postmeister in Soden, der H870 miterlebte, das ereignisschwere Telegramm. Die Deutschen eilten unverzüglich heim — heim um jeden Preis — im Zug — im Auto — zu Wagen — selbst zu Fuß! Zeder wollte Zeuge sein der großen Vorbereitungen für den kommenden Kampf, — Zeder Abschied nehmen von einem Lieben, Zeder sich zur Verfügung stellen, da, wo man seiner bedürfe. Zn einem Augenblick war alles Trennende vergessen, aller Streit begraben. — Der Kaiser rief — Lin einig Volk von Brüdern — so zogen sie aus! völlig verständnislos standen unsere russischen Glaubensgenossen diesen Empfindungen gegenüber. Der uns so selbstverständliche Drang — nach Hause — kam fast keinem! Die Sorge um die persönliche Sicherheit ließ kein Heimweh aufkonrmen. Mit allen Mitteln suchten sie — ein Asylrecht zu erlangen! Zn Vorahnung der schweren Not, die über alle Ausländer kommen mußte, veranlaßte ich schon vor Kriegsbeginn alle wegfähigen Bussen zur Heimfahrt. Die Letzten fuhren am 2. August ab. Zn Gießen kam Befehl zum Aussteigen. Männer, Frauen und Kinder marschierten \% Stunden! Zn einem großen Gefangenenraume mußten sie sich selbst ein Strohlager bereiten. Zahllose Spione rechtfertigten die Strenge. Am nächsten Tag: Befehl zur Rückkehr in die Mrte, aus denen die Leute kamen. So .wunderten sie nachts zwischen \2 und 2 zu Wagen und zu Fuß von Höchst kommend nach Soden zurück. Die jüdischen Einwohner öffneten den Ruhelosen mitleidig die Tür. Aber schon am nächsten Morgen erklärte der Landrat in Höchst, daß er für Leben und Gesundheit der Leute keine Garantie übernehme. So zogen sie zum zweiten Male fort — in die von der Negierung vorgeschriebenen Sammelplätze, von wo die nicht Heerespflichtigen unterdessen die Heimreise angetreten haben. Aus zahlreichen'Aeußerungen russischer Zuden über den Krieg und aus den Eindrücken, die ich im März dieses Zahres bei einer Reise nach Moskau empfangen habe, will ich den versuch unternehmen, die Vielen von uns unbegreifliche Haltung der russischen Zuden in diesem Krieg zu erklären. Die Zuden gehören in Rußland politisch entweder Zur Kadettenpartei oder zu ^den Sozialdemokraten. Zu letzteren bekennt sich nicht nur ein wesentlicher Teil des riesigen jüdischen Proletariats — sondern auch viele Akademiker — besonders solche, die unter den Beschränkungen des ^mn6ru8 claüsüs zu leiden hatten und im Ausland ihre Studien vollendet Haben. Der jüdische Mittelstand, insbesondere die Kaufleute und Akademiker in gehobener Lebensführung, sind Kadetten, konstitutionelle Demokraten — zu vergleichen den englischen Liberalen, die dieser Partei Muster und Vorbild sind. Aus den Berichten über die entscheidende Dumasitzung vom '% August geht hervor — daß gerade die Kadettenpartei sich mit ganz besonderer Wärme für diesen Krieg gegen Deutschland und für den Zarismus eingesetzt hat. Wer Gelegenheit hatte in den letzten Zähren mit der sogenannten russischen ZntelligenI in Berührung zu kommen, dem konnte es nicht entgehen, daß gerade in den Schichten

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