Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1914)
- Date
- 1914-12-01
- Page
- Seite 223 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. med. Rothschild: Erfahrungen und Gedanken über den Mrttkrirg 223 geßlich bleiben. ch37 Mann! Mancher stark getroffen! Ohne 'Arm — ohne Bein — und doch die allermeisten glücklicherweise nur leicht verletzt, vielfach Arm- und Handschüsse — und wie durch ein Wunder meist Verletzungen des linken Armes. Beim Schutz ist der rechte Arm an die Brust angezogen — die Hand am Hahn — der linke Arm, um das Gewehr zu halten, wie zum Schutze vorgestreckt. So kann es nicht mehr wundernehmen, daß hier die allermeisten Äugeln treffen. Bur selten hört man Klagen. In den Feldlazaretten wird Uebermenschliches geleistet. Die moderne Schußbehandlung verhindert fast immer die Eiterung. Das Verbandpäckchen, das jeder Soldat mit sich führt, ist ein wahrer Segen. Sichert es doch — so gut wie möglich — die Keimfreiheit der Wunde. Mit flinken Autos werden die verbundenen zur Etappe gebracht, und oft schon 36 Stunden nach der Schlacht, bei Verdun, bei Arras oder Hpern, bringt der Zug die verletzten hierher, in sichere Gbhut und gute pflege. Ein Wunsch beseelt alle, bald geheilt und bald wieder felddienstfähig zu sein. Mft kam es vor, daß auf einem Geleise ein Zug fröhlich musizierender, frisch ausrückender Freiwilliger stand, während auf dem Nachbarbahnsteig ein Verwundetenzug passierte. Dann entwickelte sich rasch ein kameradschaftlicher Verkehr zwischen denen, die ihre Pflicht schon getan, und denen, die darauf brannten, vor den Feind zu kommen. Mit dem Schwure „Wir wollen Luch rächen!" fuhren sie hinaus — dem Feind entgegen. Durchschnittlich in sechs Wochen heilen die Mehrzahl der verwundeten, und bis zu 60 proz. kehren nach dieser Zeit zur Front zurück. Gar manchen Habe ich verbunden, der schon zum zweiten Male ferne wunde empfing. Im allgemeinen ist es jetzt Grundsatz, die Verwundeten nach Möglichkeit sofort in ihre Heimatgarnison zu bringen. So reisen täglich hunderte verwundeter Bayern/ württemberger, Badenser und Sachsen hier durch, die auf den Bahnhöfen verpflegt und frisch verbunden werden. Note Kreuzschwestern und Sanitätsmannschaften unterstützen die Aerzte. wenn aber die Leute gegen Abend ermüdet von Flandern und Frankreich anreisen, läßt man sie hier übernachten. Im Hippodrom ist ein mustergültiges Verwundetenhotel eingerichtet. Der ganze Raum ist mit Bohlen belegt, gut geheizt und durch eine mächtige Portiere in zwei Teile geteilt. Im vorderen Raum befindet sich das Buffet und s00 Tische mit Stühlen. Der freundlich erhellte Raum ist mit Blumen geschmückt. Zahlreiche Frankfurter Damen walten hier ihres Amtes als Wirtin und Kellnerin. Im hinteren Raum find ^00 Lagerstätten eingerichtet, die den müden Kriegern oft nach vielen Wochen zuerst die Wohltat des Schlafes in einem erwärmenden Bette gewahren. Des Abends, oft bis 2 Uhr Nachts, kommen die durchziehenden verwundeten an. Mit langen Bärten, viele in phantastischer Kleidung, mit Beutestücken aller Art. Fast schüchtern treten sie ein, überrascht und geblendet von. der Lichtfülle und der Herzlichkeit des Empfanges. Beim Essen werden sie redselig und berichten von der üb erstandenen Mühe und ihren Heldentaten. Fast allabendlich ist einer oder der andere idabei, dessen Brust das Eiserne Kreuz ^ziert. Nach dem Essen geht es in die Verbandsstation. Während am Anfänge fast nur glatte Schüsse zu sehen waren, welche durch das humane Geschoß der Deutschen und Franzosen bewirkt werden, häufen sich jetzt die Wunden sogenannter Dum- Dum-Geschosse. Leider verbietet mir die militärische und ärztliche Schweigepflicht manche interessante Erfahrung schon jetzt mitzuteilen, die ich bei Behandlung und Ausforschung unserer tapferen Krieger machen konnte. Aber einige