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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 222

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 222 (sequence 2)
Language
German
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222 Mr. wrd. Rothschild : Erfahrungen und Gedanken über den Weltkrieg Zahllos sind die jüdischen freiwilligen Helfer auf allen Gebieten der Kriegsfürforge. Und wenn auch jetzt noch manche Zurücksetzung unserer Glaubensgenossen sich «geltend machte, so ist es doch unmöglich zu übersehen, daß die wirklich Maßgebenden Kreise weder Gegensätze der Partei — noch 'der Religion fürderhin zu dulden gewillt sind. Ich erinnere in dieser Einsicht an die Tatsache, daß bereits eine Reihe jüdischer Unteroffiziere — trotz der unvergessenen Schmähungen Lieberts — zu- Leutnants in Preußen befördert worden sind. Ich erinnere ferner an den Satz aus dem Briefe unseres Botschafters in Washington — des Grafen von Bernstorff — an die in New-?ork erscheinende jüdische Zeitschrift „Derj Tag", der offenbar das Zukunftsprogramm unserer Regierung den Juden gegenüber darstellt und lautet: „Deutschland hat seinen Juden alle bürgerlichen Rechte gegeben, die wenigen letzten Schranken werden mit diesem Uriege fallen!" So haben sich auch Tausende jüdischer Aerzte, die aus Antisemitismus bei der Beförderung übergangen oder aus nichtigen Gründen verabschiedet worden waren, mit Kriegsausbruch ohne Zögern der Heeresverwaltung zur Bekäinpfung der Verwundetennot zur Verfügung gestellt. Zahllose jüdische Aerzte stehen im Felde — Tausende sind zu brause tätig, um unseren heimkehrenden Siegern die Wundetr zu heilen. Zu Beginn des Aufmarsches waren es die Truppentransporte, die dauernd ärztliche Hilfe beanspruchten. Auf allen Eisenbahnstationen waren Verbandstellen des Roten Kreuzes eingerichtet. Zug auf Zug rollte durch Frankfurts Bahnhofshallen, die endlosen Wagenreihen geschmückt mit frischem Grün, mit Fähnchen und ermunternden Aufschriften. Singend und musizierend, in fast übermütiger Stimmung, .zogen sie hinaus, die feldgrauen Iungens, die kühnen Reiter, die Pioniere und Eisenbahner, die schwerfälligen Artilleristen, die flinken Flieger, die Sanitäts- und Munitionskolonnen, die Feld-- bäckereien und Feldküchen, und die endlosen Schlangen des Trains. Zug auf Zug, Tag und Nacht, f^mal 24 Stunden, — alte Stunde ein Zug! Schon in diesen Tagen gab's für den Arzt mancherlei Arbeit. D.a würde ein Reiter von seinem ihm noch fremden Schlachtroß unsanft berührt, da brachte ein allzu unbesorgter Marsjünger die aus dem Güterwagen heraushängenden Beine in Konflikt mit einem Signalmaste, da versuchte ein Fähnrich zu seinem Schaden an der eigenen Hand die Schärfe des frisch geschliffenen Säbels. Auch die ausländischen Flüchtlinge — inämentlich die aus dem Rheinland und aus Belgien durchziehenden Italiener — wandten sich dft wegen Krankheit an uns. Selbst die Entbindung einer jungen Venezianerin konnte '.ich auf dem Südbahnhofe Überwachen. höchst dankbar zeigten sich diese Firmen für alles, was Man ihnen tat. Und schließlich fällt in diese erste Periode des ärztlichen Bahnhofsdienstes auch die Behandlung zahlreicher deutscher Militärpflichtiger, die auf die ersten Kriegsanzeichen das feindliche Ausland, besonders Frankreich, Belgien und England, verlassen hatten und nun nach 4P- bis 80stündiger Bahnfahrt, in Viehwagen zusammengepfercht — ermattet, elend, verhungert ankommen — Hilfe suchend — Hilfe empfangend. Manch' aufgeregte Erzählung über erduldete Wualen fand durch die Aerzte den Weg in die Presse. Allzu bald änderte sich das Bild! Die ersten Gefechte wären geschlagen — Mühlhausen, Lagarde )— die ersten Kriegs-Verwundeten! Der Eindruck wird mir unver-

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