Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126546-3126556--1862-3128691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 Regina Uerßer: Die Frauen und der Patriotismus sende von Einzelkämpfern sind ein einheitlicher, geschlossener Wille, voll unbeugsamer, zäher Kraft geworden. Es ist der Wille der Begeisterung im Dienste der Idee. Liner der größten Bildhauer unserer Zeit hat ein herrliches Kunstwerk geschaffen. Aus einem unbehauenen Marmorblock wächst ein anmutiger, funger Frauenkopf. Nachdenklich blickt er vor sich hin, und aufseinen Zügen liegt es wie versonnenes Träumen. Der lhals strebt kraftvoll aus dem Block empor, als ob er sich von ihm losreißen wollte, das Kinn aber ist ohnmächtig nach vorn gesunken; der Stein gibt den Kopf nicht frei. Der Künstler nannte sein Werk: Der Gedanke, warum? weil auch der lebendige Gedanke, das Göttliche im Menschen, das zur Höhe strebt, trotz seiner ringenden Sehnsucht an die Erde gefesselt bleibt und sich nicht von ihr freimachen kann. Sollen wir uns dieser Auffassung des Künstlers unbedingt anschließen? Nach den Erfahrungen des Alltagslebens sicherlich. Denn im Alltagsleben bleibt das Denken von Millionen Menschen am Staube der Erde haften. Aber es gibt auch Ausnahmen, Stunden der weihe, in denen das Ewige triumphiert. Da wird der Geist von der Materie frei; er reißt sich los von den Fesseln des Irdischen und drängt hinaus in ungemessene Fernen. Auch die Kämpfer draußen auf dem Schlachtfelde haben die Fesseln gesprengt und das Irdische überwunden. Ganz Leidenschaft, ganz Begeisterung, wie ein Wetter, das über die Felder braust, ein Hingerissensein, ein Außersichsein, ein Sichlosgelöstfühlen von den kleinen Dingen der Erde, so stürmen sie vorwärts ihrem Ziele entgegen, was kümmern da den einzelnen die Kugeln, die um ihn zischen und pfeifen! Sie treffen ihn, er fühlt es kaum. Im Rausche der Begeisterung stürzt er zu Boden. Er stirbt in Größe und ohne Furcht, und sterbend noch preist er den Sieg. Gewiß wird der Schmerz der Zurückbleibenden durch all das nicht gebannt, aber es liegt doch ein Trost in dem Gedanken: er starb in Größe und ohne Furcht, und sterbend noch pries er den Sieg. Von dankbarer Bewunderung erfüllt, beugen wir uns vor den Melden, die auf dem Schlachtfeld für das Vaterland in den Tod gegangen sind. Oie?rouen und der Patriotismus. Von Regina neifjer-Breslau. er wundervolle Patriotismus, der sich in der ernsten Gegenwart einmütig in der deutschen Nation ohne Unterschied von Bekenntnis, Stand, Geschlecht und politischer Richtung geltend macht, ist nicht zum wenigsten eine segensreiche Wirkung der deutschen Frauenbewegung. Diese hat der gesamten deutschen Frauenwelt nicht nur die Pflicht und das Recht auf Arbeit gewährt, sondern auch die Pflicht und das Recht zugestanden, an dem politischen und religiösen Leben der Zeit den lebhaftesten Anteil zu nehmen. Die Frauenbewegung hat ein großes und starkes Geschlecht hervorgebracht. Immer mehr sind sich unsere Frauen bewußt geworden, daß sie einen bestimmenden Einfluß auf Saus und Familie ausüben, daß sie es sind, die ihrer Familie den dort herrschenden Geist einhauchen als Priesterinnen des Hauses, als Erzieherinnen und Bildnerinnen einer neuen Generation. So war es' leicht für Unsere Frauen, durch verständnisvolle Anteilnahme für die politischen Tagesfragen, die den Gatten beschäftigen, wie für den Geschichts- und Reiligionsunterricht ihrer Kinder den patriotischen Sinn zu heben und den Boden zu