Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 216 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Leoyir Mryerhsf: Fndwig Frank o o 6 o Seit Jahren versuchte Frank, sowohl brieflich als auch bei unseren leider nicht allzu häufigen persönlichen Begegnungen, mich zum Verfassen eines umfassenden Iudenromans anzuregen. Die Idee zu einem solchen, wie ich sie auf Grund von heimatlichen hannoverschen Traditionen und Studien seit längerer Zeit hege, genügte ihm nicht. Seiner Meinung nach mußte solch ein Roman sich innerhalb einer der ältesten und bedeutendsten süddeutschen Gemeinden, etwa in Worms oder in Frankfurt abspielen und mehrere Generationen der gleichen Familien schildern, sodaß deren Entwickelung von der Enge des Ghetto an bis zum differenziertesten deutschen Kulturzustand zu verfolgen wäre. Diese Idee lag ihm sehr am Kerzen. Wenn wir von modernen Iudenromanen, wie „Iettchen Gebert", „der Weg ins Freie" u. a. rrt. sprachen, sagte er mit einem vorwurfsvoll-aufforderNfden Blick: „Aber der echte Iudenroman ist es immer noch nicht!" Daß zu heutiger Zeit für die Entwickelung eines wahrhaft tüchtigen Juden aus der Enge knapper ländlicher Verhältnisse bis auf die Höhen des Lebens bereits ein Menschenalter genügt, das konnte Frank an seiner eigenen Laufbahn beobachten. Als einem aus eigener Kraft Gewordenen konnte ihm! unmöglich ein gewisses Selbstgefühl fehlen; nie aber spielte er im Verkehr auf seine Erfolge bei der Volksmenge, bei Frauen, bei hochstehenden Freunden an. Dafür war er für jede Zuneigung dankbar. Da ich mehrmals mit ihm im Reichstag war, hatte ich Gelegenheit, die hohe Achtung zu beobachten, mit der Abgeordnete aller Parteien den geistvollen Redner, den tadellosen Tharakter grüßten. Sahen doch alle in ihm den künftigen Führer, dessen Ziel es war, die gewaltige, wuchtige Masse der Sozialdemokraten aus ihrer regellosen, nur kritisierenden und anklagenden Haltung heraus zur fruchtbaren Mitarbeit an nationalen Aufgaben heranzuziehen, sie den jasagenden politischen Elementen anzunähern. Daß ihm dies gelingen würde, war seine 'feste, beglückende Ueberzeugung. $09 schrieb er mir, indem er seinen Gegensatz zu Bebel betonte: „Wir haben Recht, denn wir sind die Kommenden!" — Man mußte ihn bei jenem berühmten Magdeburger Parteitage von $^0 gesehen haben, als er sich und seinen Freund Kolb gegen die Abkanzelung seitens der norddeutschen Genossen verteidigte, da beide als Budget-Be-- williger im Badischen Landtage gegen das Dogma der Partei verstoßen hatten. Geistig wie körperlich überragte der damals 36jährige seine gesamte Umgebung, den gealterten Bebel, der in ^ständiger Rede gegen den jungen Neuerer sprach mit der fast zärtlichen Ironie eines überlegenen Sohnes mit Schonung, aber entschieden widerlegend. Auf das Ansinnen, sich wie ein Schulknabe zum „Nichtwiedertun" zu verpflichten, antwortete Frank launig mit dem Ausspruch einer Holzdiebin, die auf die Verwarnung des Richters vor Rückfälligkeit eigensinnig erwiderte: „Ich Zahl' mei' Straf' und stehl' mei' Holz!" Es war Ludwig Franks j)lan, im September dieses Jahres eine Vortragsreise nach Amerika zu unternehmen, auf die Einladung der deutschen Sprachgruppe der amerikanischen Sozialisten hin. Eine Verstimmung, veranlaßt durch reaktionäre politische Strömungen in .seinem sieben Baden, sowie durch gegen ihn gerichtete Kritiken innerhalb seiner Partei hatte ihn ergriffen. Im Juni d. I. schrieb er mir darüber nach der Schweiz: „Ich muß ja mit schwerem Kerzen auf die Tiroler Berge verzichten. Aber ich habe doch zugesagt, — ich brauche eine Ablenkung aus dem deutschen politischen Elend. . ." So mag er wohl den Krieg begrüßt haben als den aufspringenden Wind, der erfrischend in die dumpfe politische Atmosphäre hineinblies und uns das neue Deutschland verhieß, dessen „Fundamente er