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Liberales Judentum · 1914-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1914) · p. Seite 215

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 215 (sequence 19)
Language
German
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o o o o Fesnie Weyerhof: Ludwig Frank 215 lichkeit gezeigt haben, durch die Macht des willens höhere Ziele zu erreichen. Denn nun begann der Knabe davon zu sprechen, daß er „Doktor" werden wolle, und daß, um die Mittel zürn Studium zu erwerben, er sich nicht schämen wurde, in der Universitätsstadt Straßenkehrer oder Laternenanzünder zu sein! Vorerst aber, nachdem er sich bei seiner Barmizwoh durch tadellose Vorlesung der „Marsche", sowie durch eine wohlgesetzte Rede beim Festmahl ausgezeichnet hatte, bezog er das Gymnasium in Lahr. Hier wurde er bald der Liebling seines Direktors, den er gleichwohl beim Abitur in schwere Verlegenheit setzte. Denn der beginnende volksfreund benutzte die Abschiedsrede, die er als abgehender primus der prima in öffentlicher Aula zu halten hatte, indem er eine flammende Aufforderung an seine Kameraden daranknüpfte, sich beim Tintritt ins Lebens des leidenden Proletariats anzunehmen. . . In jedem andern Lande als im badischen „Ländle" hätte dieser Streich den jungen Heißsporn seine Karriere kosten können. Allein im Musterländle konnte bald Gel auf die wogen gegossen worden; und mit 600 Mark durch Unterricht selbstverdienten Geldes zog der angehende Jurist nach der Universität Freiburg. Soviel von dem ersten werden des späteren bedeutenden Politikers. Alle diese Lntwickelungs-Ansätze hängen aufs Tiefste mit den.stärksten Triebfedern seines Wesens zusammen: mit der Willenskraft und mit dem verstehenden Mitleid. Aber ebenso fest wie sie wurzelte in seinem Tharakter die Treue; und sie vor allem ist es, die uns Ludwig Franks Verhältnis zum Judentum verstehen lehrt. Die treue Anhänglichkeit an unsere Kindheitseindrücke, an Religion, Bräuche, Familie pflegen wir pietät zu nennen. Flach äußerliche, konventionelle Handhabung hat vielfach den edlen Begriff pietät gleichsam entkernt. Ueberkommene Gefühlswerte kann man nur beleben, indem man sie neu e r lebt, sie als einen unlöslichen Teil des eigenen Wesens lebendig empfindet. So war das Judentum in Ludwig Frank durchaus lebendiges Gefühl. Nicht nur als der überaus liebevolle Sohn seiner alten Tltern, der er war, kehrte der allseitig verwöhnte zu jedem Rosch-haschonoh, Sederabend und Thanukcr- Fest in das schlichte kleine Vaterhaus zu Nonnenweier ein. Tr war bei den schönen alten Bräuchen mit vollem Herzensbedürfnis innerlichst beteiligt als ein Zugehöriger. Bei keinem seiner Besuche schied er vom Tlternhause, ohne sich von Vater und Mutter segnen zu lassen, die oft verstohlene Tränen in den Augen des Sohnes glitzern sahen. . . Tine Zeitlang scheint es in Franks Gefühlsverhältnis zum Judentum nicht ohne Kämpfe abgegangen zu sein. Vielleicht hatte damals den Gewissenhaften das Dogma der Sozialdemokratie an sich selber irre gemacht, die ja den ethischen Inhalt ihrer Thesen als genügenden Trsatz für rin positives religiöses Bekenntnis ansieht. Aber das lebendige Gefühl mußte in Franks Seele schließlich den Sieg davontragen; er gewann den Mut, sich selber Recht zu geben. . . Am \. Mai dieses Jahres schrieb mir Ludwig Frank: „Heute früh habe ich das Iudenbuch von Kracauer zu Tnde gelesen. In früheren Jahren habe ich mein starkes Interesse für die Schicksale des jüdischen Volkes als eine Last empfunden, — jetzt fühle ich es als einen Besitz den ich nicht missen möchte. — Babe ich Ihnen erzählt, daß ich an den letzten Msterfeiertagen in Nonnenweier Ahnenforschung getrieben habe? Die 83 jährige Tante Reizle und andere noch ' lebende Chroniken mußten mir erzählen. Dabei habe ich festgestellt/ daß die Großmütter des Vaters und der Mütter Töchter von „Rebbes" waren. . . . Tin . . .Zufall, daß ich bei doppelter erblicher Belastung nicht selber Rabbiner geworden bin." i! i

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