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Liberales Judentum · 1914-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1914) · p. Seite 210

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 210 (sequence 14)
Language
German
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210 o » e o Ar. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch I. als Festgebetbücher bei weitem nicht aus. wie gern hätte ich das Seligmann'sche zur Hand gehabt! Für den Morgen war durch Divisionsbefehl Gottesdienst für die jüdischen Mannschaften angesagt. Infolgedessen fanden sich 25 Beter, zum Teil Aerzte, ein, einige kamen aus ^en Nachbardörfern — eine winzige Zahl im vergleich zu den vielen Glaubensgenossen im Feld, zu denen kein Geistlicher kommen kann und die diesen hochheiligen Tag, auch wenn sie dienstfrei sind, vielleicht ohne jede Andacht verbringen müssen. Uns Juden fehlen die Massengesänge, die Thoräle. Bei uns, denen der musikalische Sinn doch wahrlich nicht abgeht, singt jeder auf seine Art die synagogalen weisen — vielleicht eine Folge des jüdischen Individualismus. Daher ist der Gottesdienst, wo kein geschulter Thor vorhanden ist, und die Betenden nicht nach ihrem Buche folgen können, allein auf den Vorbeter gestellt, und der war in diesem Falle notgedrungen — ich. Immerhin habe ich versucht, meine Zuhörer mit Sinn und weise des Morgen- und des Hauptgebetes unseres Iomkippur, unter Beschränkung auf das wesentlichste, vertraut zu machen. Auch aus der Sefer Thora, die in einem gewiß sonst anderen Zwecken dienenden Schrein stand, habe ich geleient und übersetzt; es war der Abschnitt, der wohl am ehesten der Erhabenheit des Sabbats der Sabbate, gerecht wird: „heilig sollt Ihr werden . . ." und dem sich dann die grandiose j)roxhetenrede vom wahren Fasten würdig anreihte. Zu Mussaxh fehlte nicht die stimmungsvolle Awodo, und die dreimalige Huldigung vor dem' König der Könige in klirrenden Waffen mag einem fremden Auge merkwürdig genug erschienen sein. Versöhnungstag! Mit welch hehren Gefühlen ging ich sonst ihm entgegen! Mir war jedesmal, als legte ich mit den Alltagskleidern auch den Alltagsmenschen ab und träte demütig, ein nach Frieden heiß Verlangender, vor meinen Gott. Und jetzt? Und hier? Dürfen wir der göttlichen Liebe uns getrösten, da uns der Haß beseelt? Dürfen wir um seine Gnade flehen, da wir keine üben, um Versöhnung, da ganze Völker in blutigem Kampfe sich entzweit? Ein Reich ewigen Friedens verheißt unsere Religion durch diesen Tag des Gottesfriedens, eine Zeit, da alle Menschen zu einem Bunde werden, um Gottes willen mit ganzem Kerzen zu tun. Ist's nicht ein Phantom, dem wir nachträumen? Wie könnte anders in unserem Jahrhundert hoher Kultur ein Weltkrieg entbrennen, so gewaltig und furchtbar, wie ihn die Geschichte noch nicht gesehen? Aber wir sind ja nicht so unversöhnt, wie es scheinen möchte, versöhnt sehen wir die Parteien unseres Volkes, die sich noch vor kurzem erbittert befehdet haben, versöhnt die Stände und Bekenntnisse. Alle sind sie zusammengeschlossen zu einem Bünde für das eine Vaterland. Und haben wir erst einmal gründlich gelernt, ein Großes, Gemeinsames über alles Besondere, Trennende zu stellen, für das gleiche Ideal einmütig Gut und Blut zu opfern, warum sollte nicht die Zeit kommen, wo Nationen, die zu demselben Vater beten, sich als Kinder dieses Vaters, sich als Brüder erkennen und vereinen? wir wierden's nicht mehr schauen, aber kämpfen wollen wir, tapfer und treu, auf daß unsere Enkel ihn erleben, den großen versöhnungstag der Menschheit. — Das war etwa der Gang d er Gedanken, die sich mir aufdrängten und die ich meine Freunde mit wir denken und empfinden ließ, um am Ende mit ihnen für unseren geliebten Kaiser, für unser tapferes Heer und unser teures Vaterland Gottes Segen zu erflehen. wir schieden von einander mit warmem Händedruck, nicht ohne den festen Vorsatz,

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