Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 209 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Ar. SaHbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch I. geschenkt und nun von ihm zurückforderte; und tausend Väter sah ich seinen Spuren folgen. Nur die Mutter kann die Tränen nicht bergen; eis ist, ja' ekn Stück ihrer Selbst, von dem sie sich trennen soll für immer, und sie fühlt, ihr Herz wird sich daran verbluten. „Rahel weint um ihre Rinder und wehrt dem Tröste, denn sie sind dahin." Doch sieh, durch ihre Tränen bricht ein Schimmer himmlischen Lichtes. „Halte zurück deine Stimme vom weinen und dein Auge von Tränen, denn es gibt einen Lohn für dein Tun und eine Hoffnung für deine Zukunft", spricht Gott, „deine Rinder kehren heim aus dem Lande der Feinde." — Heimkehr zu ruhmreich erkämpftem Frieden — das ist Anfang und Ende unserer Neujahrsgebete. Ts war eine stille Andacht, die ich hielt. Aber mir war, als beteten Unzählige mit mir. Erst zum Ausgang des Festes konnte ich einige wenige jüdische Rameraden um mich vereinen. In meinem engen, kahlen Zimmer saßen wir um einen Tisch und lasen beim flackernden Schein eines Mellämpchens gemeinsam aus unseren kleinen Feldgebetbüchern. Aus der Heimat hatte ich sie gebracht und in die Heimat werden wir sie, so Gott will, wieder zurückbringen als bleibendes Andenken. Einige Worte, wie sie mir gerade aus dem Herzen kamen, richtete ich am Schlüsse des Gebets an meine andächtigen Zuhörer. Tin neues Jahr — das hatte für uns nicht begonnen, denn im Felde verliert man den Begriff der Zeit. Aber ein „Tag der Erinnerung" War es gewesen an unser Elternhaus, an unser Gotteshaus, wo man für uns inbrünstig gebetet, eine Mahnung an den „Tag des Gerichtes", das Gott über die Völker und Reiche ergehen läßt; und fehlte auch dem jom teruo der j)osaunenschall, das alte Rriegssignal Israels, so donnerten dafür die Ranonen durch die Berge, daß die gesprungenen Fensterscheiben klirrten. Seltsamer Rontraft l Der Friede hier und draußen der Ramxf. Aber ich war glücklich, meinen Glaubensbrüdern auf feindlicher Trde diese Stunde inneren Friedens schenken zu dürfen. Und von der wand blickte milde ein Bild des christlichen Heilands auf uns nieder. War er nicht ein frommer Rabbi gewesen und hatte Frieden gepredigt inmitten einer waffenstarrenden Welt? In den Tagen der Buße wuchs meine Gemeinde und mit ihr unsere „Synagoge", zu der man freilich durch einen jDferdestall schlüpfen mußte. Das geräumige (Quartier zweier jüdischer Reserve-Unteroffiziere aus j)osen, Raufmann Asch und Zahnarzt wilzynski, sah am Rol-Nidre-Abend ein ihm ganz fremdes Bild: Am Tischchen vor dem Bett, zwischen zwei brennenden Rerzen, stand, den grauen Feldhut auf dem Ropf und den Tallis über dem langen Waffenrock, ein deutscher Rabbiner und trug, schlecht genug, aber mit großer Inbrunst das Lied vor, das die Seele unseres Stammes, das unsere ganze Geschichte mit ihrem tiefen Weh und ihrer starken Zuversicht bis zur laut aufjubelnden Gewißheit in Tönen ausklingt. Reinen trefflicheren Uebergang von diesem einzig schönen Liede zur Abendandacht kann ich mir denken, als das „wenislach": „Vergebung werde der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremden, der in ihrer Mitte weilt, denn alles Volk sündigt nur aus Irrtum." Tiefftes Verstehen der menschlichen Seele spricht aus diesen Worten; es ist, als wehte uns aus ihnen der Hauch der göttlichen Versöhnung selber an. Im folgenden, bei all den wichtigen Gebeten, der Teftlla, dem Sündenbekenntnis, Owinu malkenu, habe ich nur bedauert, daß ich sie meinen Brüdern nicht näher bringen konnte; die meisten von ihnen verstehen kein Hebräisch; eine Verdeutschung aus dem Stegreif verfehlt die Wirkung, und die Feldgebetbücher reichen