Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 211 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch I. — Feldgottesdienste 211 Jubel und lauter Freude gefeiert wurde, uns bald wieder eine Andachtsstunde zu be- - reiten. Malerischer ist der bekannte Oppenheim'sche „Versöhnungstag vor Metz" ohne Frage. Aber der Wirklichkeit, aus welcher der Künstler sein Gemälde gestaltet hat, dürste unsere Feier nahegekommen sein. Zu Neüa waren wir wieder nur wenige, die andern mußten Dienst tun oder konnten den N)eg aus den umliegenden Ortschaften nicht noch einmal machen. Aber das ergreifende Bekenntnis der Einzigkeit Gottes mit aller Kraft des Geistes und der Seele hinauszurufen in die sternenhelle Nacht, ließ ich mir doch nicht nehmen. An diesem Abend mochte ich nicht ins Kasino gehen. Ich blieb bei meinen jüdischen Kameraden zum „Anbeißen". Am Sabbat eine allgemeine Andacht zu veranstalten, geht in der Regel hier nicht an. Gottesdienst und Waffendienst lassen sich nicht eben leicht vereinigen. Ich benutzte daher den Sonntag, den Rüsttag von Sukkoth, um meine Getreuen zugleich von dem Inhalt der fabbatlichen Thvraverlesung — der Schwan engesang des großen Propheten und wie er sich anschickt zu seinem letzten Gang — wie von der Bedeutung des Ljüttenfestes zu unterrichten. Noch niemals war es mir als Fest der Wein- und Obstlese so nahe gerückt. Unabsehbare Felder mit reifen Reben, die niemand erntet, Bäume strotzend von Pflaumen und Birnen, die an den Zweigen faulen müssen, das ganze Tal hinunter. Aber das Symbol der Ernte, der Feststrauß, fehlt. Der Weg. zum Kirchhof ist mit den glänzenden Roßkastanien besät. Als Kinder haben wir Ketten daraus gemacht für die Laubhütte. Aber eine Laubhütte gibt es hier nicht, so luftig manche unter uns in den zerschossenen Däusern wohnen. Doch, die Sanitätskolonnen bauen sich in den Wäldern droben Hütten und bedecken sie mit Zweigen, nicht zum Zeichen des Vertrauens auf den göttlichen Schutz, der unseren Vätern in der Wüste zuteil ward, aber zum Schutz gegen die kalten Herbstnächte. Als ich nach beendeter Andacht ans Fenster trat, zog solch eine Kolonne mit Grün an den Wagen vorüber; Hilfe wollen die Diener barmherziger Menschenliebe den Opfern des Schlachtfeldes bringen, und sind doch selber nicht sicher vor den totbringenden Geschossen. Ich sah ihnen lange nach, und mir sielen die Worte des Gebetes ein: „Herr, breite über uns die Xjütte Deines Friedens." Auch aus anderen Gegenden des weitgedehnten Schlachtfeldes, aus Osten und Westen kommen Berichte über jüdische Feldgottesdienste an Neujahr und Versöhnungstag. Außer den in der vorigen Nummer erwähnten preußischen und hessischen Rabbinern (Dr. Baeck-Berlin, Dr. Italiener-Darmstadt, Dr. Emil Levy-Tharlottenburger Religionsverein, Dr. Arthur Levy-Schöneberger Synagogenverein, Dr. Salzberger-Frankfurt a. M. und Dr. Wilde-Magdeburg) sind für Bayern Rabbiner Dr. Baerwal d-M ü nchen, für Baden Rabbiner Dr. Thone- Konstanz und für Sachsen Rabbiner Dr. Lewin-Leipzig als Feldgeistliche berufen worden Auf Anordnung des Kaisers erging ein Armeebefehl, wonach am versöhnungstage alle jüdischen Soldaten, soweit sie nicht im Gefechte und darum unabkömmlich wären, dienstfrei sein sollten. Wo es möglich war, wurden in den Garnisonsorten und in den großen Städten hinter der Gefechtsfront, zum Teil unter Leitung der Feldrabbiner, weihevolle Gottesdienste veranstaltet, zu denen die jüdischen Mannschaften von jüdischen Reserveoffizieren und Offiziersstellvertretern geführt wurden. Die Gottesdienste fanden vielfach in katholischen und evangelischen Kirchen statt. Rabbiner Dr. Baeck hielt den Iomkippurgottesdienft (auf Anordnung des Stadt-