Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 208 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Ar. Kalzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch I. Aus meinem Kriegstagebuch. Von Rabbiner Dr. Salzberger-frankfurt a. TTl. I. .' Jüdische Feiertage im Fel de. as sprichwörtlich gewordene jüdische Festtagswetter stellte sich nach einigem Zögern im Laufe des ersten Neujahrstages richtig ein; allzu lange schon hatten unsere braven Soldaten unter einem kalten Regen mehr noch als unter dem feindlichen Feuer zu leiden gehabt. Seit dem frühen Morgen saß ich im Kraftwagen mit einem Offizier vom Armee-Oberkommando in St... der zufällig dieselbe Strecke fuhr. In weitem Bogen umkreisten wir Verdun, durchrasten das erinnerungsftolze Mars-la-Dour und hielten, durch immer dichtere Kolonnen von Munitions- und Bagagewägen uns mühsam hindurchwind end, am Nachmittag vor dem Generalkommando in XD. Da ich so rasch wie möglich am Ziele meiner langen Reise sein wollte, ließ ich mich von einem Fliegeroffizier im wagen nach S., dem derzeitigen Ouartier des Stabes der . . ten Division, mitnehmen. Die Sonne sank blutigrot im Westen. Noch am Morgen hatte vor diesem nicht unansehnlichen Dorfe am Fuße der eotes Lorraines der Kampf getobt. .Dort am Kirchhof, der in die Weinfelder des weiten Tales hinausschaut, sah man noch deutlich die Spuren der erbitterten Gegenwehr der Franzosen, und nun hatten unsere Soldaten die schmutzigen Däuser und die sauberen französischen Landstraßen besetzt, als läge das schon Wochen zurück. In dem sozusagen vornehmen Gebäude eines alten französischen Friedensrichters hatte der Stab sich häuslich eingerichtet, Hier stieg ich aus. Der Divisionskommandeur, Exzellenz K., empfing mich mit wahltuender Herzlichkeit; er freue sich aufrichtig, daß nun auch die jüdischen Kameraden ihren Geistlichen bekämen, sie hätten wiederholt nach ihm gefragt. Leicht werde es für mich nicht sein, meine Gemeinde zusammenzubringen, denn die Taktik unserer Zeit stehe der Ansammlung größerer Truppenverbände im offenen Gefechtsgelände entgegen; auch kämen für die Teilnahme an Gottesdiensten nur jedesmal die dienstfreien Soldaten in Betracht. Ich bemerkte, daß ich in erster Linie Seelsorge üben, die Verwundeten aufrichten und trösten wolle und ber diesem Werke der Menschenliebe keinen Unterschied zwischen Christen und Juden machen werde noch könne; ohnedies fielen hier die sonst trennenden konfessionellen Schranken und es bliebe allein der Mensch, der seine Pflicht gegen das Vaterland erfüllt. Mit sichtlicher Freude stimmte Exzellenz meinen Worten bei. Die Festandacht des zweiten Tages mußte ich für mich allein halten. We wurden die von frühester Kindheit her vertrauten uralten Gebete mir hier mit einem Male neu und lebendig! „Unser Vater und König, vereitele den j)lan unserer Feinde!" „Unser Vater und König, laß Heil und Sieg uns bald ersprießen!" „Gedenke unser zum Leben, Du König, der Du das Leben willst!" We ward ich gepackt von der Wahrheit der Dichterworte: „Der Mensch — der Blume gleicht er, die verblüht, dem Schatten, der dahinzieht, dem Traum, der verfliegt." Nein, das Leben kann der Güter höchstes nicht sein. Und dann trat mir aus der Thora, die ich vor mir aufrollte, die Heldengestalt des Erzvaters entgegen, und ich hörte das Gotteswort an ihn ergehen: „Nimm deinen einzigen geliebten Sohn und bringe ihn mir zum Opfer"; und ich sah ihn gehen, wortlos und ohne Zögern, das Teuerste hinzugeben, was Gottes Gnade ihm