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Liberales Judentum · 1914-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1914) · p. Seite 207

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 207 (sequence 11)
Language
German
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Prof. Nr. Frirdland : Arr Krips und unser Mrsfiasslaudrn 207 artigen Lebensschicksalen die Erklärung für diese Seelenstimmung. Schon bei der ersten Runde von dem Stammesleben der Nachkommen Jakobs, erfahren wir, daß sie als Fremdlinge, geknechtet, unter einem anderen Volke, den Aegyptern, weilen. Dann folgt die Gründung des israelitischen Staates ,im Lande Kanaan, in paläftina. Aber wir wissen, daß dieser kleine Staat rau: vorübergehend, sich der Selbständigkeit erfreute. Immer wieder wurde er von mächtigeren Reichen seiner Freiheit beraubt, bald war er von Assyrien, bald von Babylonien und persien, bald von den Griechen und Römern abhängig, bis das Jüdische Volk schließlich in kleine Häuflein zersprengt, bald bei diesem, bald bei jenem Volke Aufnahme suchte. Immer und überall bildeten die Juden kleine Minderheiten, mehr oder weniger angefeindet und gedrückt von den Mächtigen und Starken. Da war es natürlich, daß es nicht auf die rohe Kraft, auf die Gewalt der Waffen seine Hoffnung sich 'stützte, daß es auf die sittlichen Kräfte sich stützte, daß es auf die sittlichen Kräfte im Menschen hinwies. Es war natürlich, daß es den Frieden für alle ersehnte, um selbst in Frieden leben zu'können. Hierin liegt meines Erachtens der Schlüssel zum Verständnisse für die tief eingewurzelte Friedensliebe des Juden, für seinen Messiasglauben. Es ist also kein leerer Traum, den das Judentum seit der grauen Vorzeit träumt, er berjuht auf der geschichtlichen Bedingtheit seines Daseins, er beruht auf den sittlichen Kräften, die ihm das Leben erhielten. Und wenn es ein Traum wäre — wir dürfen chn weiter träumen, denn es ist ein schöner Traum. Wir dürfen ihn weiter träumen gerade in der Mitte unseres deutschen Volkes und sind gewiß, daß wir bei unseren deutschen Volksgenossen tiefes Verständnis, dafür finden werden. Denn auch das deutsche Volk galt und gilt teilweise noch als das Volk der Träumer und Denker. Auch das deutsche Volk war lange genug ein Spielball in den Händen mächtiger Nachbarn, gering geachtet, getreten von den Starken, daß es sich zurückzog in sein Innenleben, und die großen Gedanken von Weltbürgertum und Weltfrieden sckMf, den jüdischen Messiasgedanken weitersponn. Und als unser Vaterland erstarkte, hat es diese Ideen doch nicht fallen lassen. Es hat diese Ideen nicht sowohl durch das Wort als durch die Ta,t zum Ausdruck gebracht. Es hat überall die Schwachen geschirmt, es hat überall Gesetz und Recht und Frieden walten lassen. Und auch jetzt, wo ihm das Schwert in die Hand gedrückt würde, wo ein großes, schreckliches Weltgericht angebrochen ist, wir können es allerwegen von den geistigen Führern unseres deutschen Volkes hören: „Wir wollen nicht den Krieg, wir wollen der Welt den Frieden, die Gesittung bringen." Daher können wir mit gutem Grunde sagen: Israel steht auch am heutigen Tage in seinem Fühlen uüd Denken nicht abseits von den andersgläubigen Deutschen. Mitten im Dröhnen der Kanonen, im Schmettern der Schlachttrompete mag unser stilles Friedensgebet ertönen, mag Israel mutig und beharrlich den Ruf nach Wahrheit und Gerechtigkeit erschallen lassen. In diesem Zeichen und mit dem Bekenntniswort unseres Messiasglaubens, das wir heute in unserem Gebete sprechen, werden wir siegen, müssen wir siegen!

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