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Liberales Judentum · 1914-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1914) · p. Seite 206

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 206 (sequence 10)
Language
German
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206 o o o Prof. Ar. Frirdland: Arr Krieg und unser Mesfiasglauben Das Eigenartige und Einzigartige dieses Glaubens ist nun, daß die Israeliten diesen König nicht etwa bloß, als einen Befreier und Beglücker für sich allein in Anspruch nehmen. Dieser König sollte nicht bloß Israel in sein Land zurückführen. Er sollte nicht andere Völker unterwarfen und beherrschen. So denkt ein Eroberervolk, und ein Eroberervolk war Israel niemals. Dieser Messias sollte vielmehr alle Völker zu einem Friedensbund vereinigen, auf daß sie mit Israel gemeinsam Gott anbeteten, dessen Herrlichkeit über Jerusalem thronen würde. Das ist das Bild des Messias, das sich -der sittlich-religiöse Sinn und die gläubige Phantasie unserer Altvorderen schuf, und das -die großen Lehrer Israels init eindringlichen Worten dem Volke immer wieder vor die Augen führten. Am deutlichsten sprechen es die Propheten der assyrischen Zeit aus. Ihnen voran Iesajah. Er sagt: „Einst am Ende der Tage wird der Berg des Gotteshauses aufgerichtet sein über dem .Gipfel der Berge und erhoben über die Hügel, und alle Nationen strömen zu ihm. Und viele Völker ziehen hin und sprechen: Kommt, laßt uns hinaufgehen zum Berge des Herrn, zum Hause des Gottes Jacobs, daß er uns seine Wege lehre und wir in seinen Pfaden wandeln; denn von Zion wird die Lehre ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem. Dann wird er richten zwischen den Nationen und entscheiden vielen Völkern, jund sie schmieden ihre Schwerter Um zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Rebenmessern. Nicht wird Volk gegen Volk das Schwert erheben, und man wird fortan den Krieg nicht mehr lernen." Der dieses Gottesreich herbeiführen wird, nachdem — wie Iesajah an einer anderen Stelle sagt — „das Kriegskleid, das in Blut getaucht ist, verbrannt wird", ist ein Königssohn, ein „Fürst des Friedens" auf dem Throne Davids, und seines Reiches wird kein Ende sein; „er gründet es und stützt es durchRecht und durch Gerechtigkeit." Diese messianische Idee, diese Hoffnung auf die Gründung eines allgemeinen Gottesreiches, jn dem alle Völker in Frieden und Eintracht unter der Herrschaft Gottes mit einander leben, drücken nicht nur die großen Zeitgenossen des Iesajah, Amos und Hosea in ähnlichen Weissagungen aus, auch zwei Jahrhunderte nach ihnen spricht der Prophet Sechariah nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft dasselbe aus, und die Talmudlehrer des 2. und 3. Jahrhunderts fassen den Gedanken in dem Kernspruch zusammen: „In den Tagen des Messias hören Schwert und Spieß auf." So klingt dieser Messiasgedanken wie ein herrliches Leitmotiv in dem vieltausendstimmigen Konzert des jüdischen Schrifttums durch, von den ersten Propheten bis hinab zu den Männern, die den Talmud' verfaßten, bis zu den geistigen Führern Israels in heutiger Zeit. Zuweilen ist dieses Leitmotiv umrauscht von den Tönen mystischen Ueberschwangs. Wie eines jeden Glaubens, so ist auch des Messiasglaubens „liebstes Kind" zuweilen „das Wunder". Aber immer hören wir aus all den wunderbaren Schilderungen und Sagen, die uns manche jüdische Schriftsteller stber die Ankunft des Messias geben, das eine heraus, nämlich das, was wir heute beten: „Messias kommt, um die Völker zu einem Bunde vor Gott zu vereinigen." Woher kommt es nun, daß gerade der jüdische Stamm dieses tiefe Bedürfnis nach dem allgemeinen Weltfrieden empfand, daß er es war, der den Messiasgedanken schuf und von ihm reicht lassen wollte? Ls mag sein, daß der Jude durch seine angeborene Geistesrichtung dazu vorbestimmt war. viel eher finde ich aber in den eigen-

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