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Liberales Judentum · 1914-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1914) · p. Seite 205

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 205 (sequence 9)
Language
German
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205 Krsf. Dp. FrreMand: Der Krieg und unser Mefstasglauben zu bekennen und auszusprechen, daß es unser Wunsch sei, die Menschen möchten alle einen Bund bilden, um gemeinschaftlich in Frieden und Eintracht den willen Gottes mit ganzem Kerzen zu tun. Es gehört Mut dazu, heute von Versöhnung und Frieden zu sprechen, wo alles von Haß und Rachsucht erfüllt ist. Diesen Mut findet -Israel heute, wie es ihn zu allen Zeiten, seit Jahrtausenden gefunden hat. Dieser Wunsch und diese Hoffnung, daß die Menschheit sich endlich zusammenfinde, daß endlich der Gottesfrieden auf Erden komme, das ist das jüdische Bekenntniswort, das wir heute und an unserem heiligsten Feiertage, am Iomkipxur, sprechen. Dieses Wort trifft das ureigenste Wesen unserer Religion. Es ist unser Messiasglauben, der Israel, mag es innerlich und äußerlich noch so zersplittert sein, zusammenhält und immer wieder Zusammenhalten wird. was ist es mit diesem Messiasglauben, mit diesem Glauben Israels an die Menschheit? Ist es ein Traum oder ist es mehr als dies — etwas, was der Wirklichkeit nahe kommt? wenn es ein Traum ist, dürfen wir ihn in dieser Zeit weiter träumen? Dürfen wir, die wir in jeder Weise bestrebt sind, mit dem deutschen Volke eins zu sein, in ihm aufzugehen, heute abseits stehen mit unserem Denken und Fühlen nach dieser Richtung? Oder ist dieser unser Glaube und unsere Hoffnung auf die endliche Versöhnung der Menschheit doch nicht bloß eine Eigentümlichkeit der jüdischen Seelenwelt? Teilen wir sie vielleicht, im Grunde genommen, mit unseren übrigen deutschen Volksgenossen? Vielleicht bringt nur Israel als Glaub ensg emeinde deutlicher und greifbarer zum Ausdruck, was die Edlen und Großen aller Völker und , aller Glaub ensbekenntnisse fühlen und ersehnen? Auf alle diese Fragen Wollen wir eine Antwdrt suchen. Ich sagte schon, der Friedensgedanke Israels ist nichts weiter als fein Messiasglauben. was heißt „Messias?" Wer ist der „Messias"? „Messias" heißt der „Gesalbte". Mit Gel gesalbt wurden im alten Israel die Hohepriester und später, als das Königtum eingeführt wurde, auch die Könige. Der edelste aller Könige in Israel war David-, wenn das israelitische Volk, meist infolge der Unfähigkeit und Verderbtheit seiner Herrscher, in Bedrängnis kam, da erwachte in ihm die Sehnsucht nach einem Könige, nach einem „Gesalbten", einem Messias, der im Geiste Davids das Land regieren möchte. So war es zur Zeit als Assyrien den israelitischen Staat bedrohte und unterwarf, so war es, als die Babylonier den Tempel zerstörten und einen großen Teil der Iudäer in die Gefangenschaft führten; so War es unter der grausamen Herrschaft der Römer, als man in Var Kochba, dem „Sternensohn", den Messias begrüßte. So war es schließlich, als Israel schon lange seine staatliche Selbständigkeit eingebüßt hatte und überall zerstreut unter den Völkern lebte, im Mittelalter und selbst in der Neuzeit. Noch in der Zeit des 30jährigen Krieges trat ein Mann in Smyrna auf, Sabatai Zwi, der bei den darbenden und gequälten Juden, namentlich des europäischen Ostens, begeisterte Anerkennung als Messias fand. Immer, wenn die Not unter den Juden am höchsten war, klammerten sie sich am innigsten an ihren Messiasgläuben, hofften sie am meisten auf die Ankunft ihres „Erlösers" in Gestalt des „Gesalbten", des „Davidischen Sprossen". Denn nach der religiösen Vorstellung ist die Not?mr ein Strafgericht Gottes und erst — so geht die Sage — Wenn durch dieses Strafgericht das Volk geläutert wäre, sollte der Messias kommen.

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