Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 203 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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c o o 203 Ar. Mar FrrrckrnthaU Gustav IssrphthaL in allen seinen Stadien in seinem Gemüte nach. Lr, der getreu den Richtliniengrundsätzen allezeit auch den Andersdenkenden gegenüber voll Ritterlichkeit, Wohlwollen und Versöhnlichkeit sich erwiesen hatte, war entsetzt über die zu Tage getretene Maßlosigkeit des Fanatismus, und es war ganz und recht in seinem Geiste, als in der igroßen Richtlinienversammlung im März J9J3 zu Nürnberg sein Sohn, Iustizrat Lmil Iosephthal, eindrucksvoll das Recht, die Bedeutung und die Verdienste des religiösen Liberalismus im Judentum festftellte und wuchtig die unerhörten Angriffe der Gegner zurückwies. Ls ist ein eigentümliches Walten der Vorsehung, daß Gustav Iosephthal gerade in den Synodaljahren das Amt des Vorsitzenden der Nürnberger Kultusgemeinde übernommen hatte, und daß er bei seiner Amtsniederlegung die Zeit der neu erstarkten liberalen Bewegung noch erleben durfte. Vierzig Jahre, J869—l9O9, hatte er sein Amt innegehabt. Leine Verdienste in dieser langen Zeit leuchten nicht bloß aus der glänzenden Entwicklung der Nürnberger Gemeinde hervor, sie Haben vielmehr an allem teil, was das Wohl der Juden in Bayern, in Deutschland und in der ganzen Welt anging. In all den großen Vereinigungen, deren Arbeit solchen Zielen gilt, stand er mit an erster Stelle; in der Blüte seines Lebens hatte seine eindrucksvolle Persönlichkeit, in den Jahren seines hohen Alters sein weises Wort volle Geltung. Ls gibt keine dieser Vereinigungen, mit deren Entstehung und Lntwicklung nicht sein Name verknüpft wäre. Von der Geschichte der Nürnberger Gemeinde ist er ewig unablösbar. Die Historiker des Judentums werden ihn auf die Lhrentafeln schreiben, die sie in ihren Werken den Führern Israels errichten. Wir aber, die wir seines Geistes, seiner Religionsanschauung, seiner Weltauffassung sind, dürfen erst recht mit Stolz allezeit seiner gedenken. Möchten Männer seinesgleichen auch fernerhin Israels Geschicke lenken, dann können wir voll Zuversicht des Weges weiterfchreiten, auf dem wir das fjeil des Judentums erschauen! _ Reber die Lebensdaten und die Beisetzung Gustav Iosephthals wird uns be-, richtet: Geheimer Lsof- und Iustizrat Gustav Iosephthal war am 8. September s8os zu Ansbach geboren. Im April H864 wurde er zum Kgl. Advokaten in Nürnberg ernannt. l8?9 wurde er in den Vorstand der Anwaltskammer gewählt, deren Vorsitz er im Jahre s896 übernahm und bis vor wenigen Jahren führte. f869—l9O9 hatte er den Vorsitz, alsdann den Lhrenvorsitz in der Verwaltung der Rultusgemeinde Nürnberg inne. Lr war Mitgründer und Vorsitzender des bayerischen Landesvereins und des D. I. G. B., einziges Lhrenmitglied des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der bayerische Verdienstorden vom Lil. Michael \. Masse schmückte ihn. Seit Ausbruch des Krieges standen seine sämtlichen Lnkel im Felde. Liner seiner Söhne, j)aul, der freiwillig als Oberleutnant und Kompagnieführer wieder in Dienst getreten war, kehrte verwundet kurz vor dem Tode des Vaters wieder heim, ausgezeichnet durch das Liserne Kreuz. An der Bahre des friedlich Lntschlafenen hielt Rabbiner Dr. Freudenthal vor stattlichem Geleite die Trauerrede, die an Tiefe des Inhalts und an Gewalt der Worte des Verblichenen würdig war. Iustizrat Dr. Held, der Nachfolger im Vorsitz der Kultusgemeinde, zeichnete beredt und eindrucksvoll die unvergänglichen Verdienste um die Gemeinde Nürnberg, Iustizrat Ofner-München 'diejenige um die bayerische, Schuldirektor Gombrich die um die gesamte Iudenheit. Rabbiner Dr. Neubürger-Fürth spendete den Dank und Abschiedsgruß der