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Liberales Judentum · 1914-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1914) · p. Seite 202

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 202 (sequence 6)
Language
German
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202 o o o o Ar. Mar FrrudtnthaL : Gustav IsftpWal nicht gemünzt. Denn Kandidaten, bei denen die Aufrichtigkeit der Reformgesinnung von sachverständiger Seite auch nur angezweifelt wurde, schieden sofort aus, und den Sieg unter den Bewerbern trug kein anderer davon als Dr. Moritz Levin, heute der bekannte und verehrte Prediger der — Berliner Reformgemeinde. Es ist bezeichnend für Gustav Zosexhthal, daß ihn mit Levin und ebenso mit dessen Amtsnachfolgern ohne jede amtliche Reibungsfläche allezeit die innigste Freundschaft verband; es war ihm selber Herzens- und Ehrensache, dem Rabbiner innerhalb wie außerhalb der Gemeinde alle Ehren und Würden einzuräumen und zu verschaffen, die dem geistlichen Oberhaupte gebühren. Um die Art zu kennzeichnen, in der er auch die gottesdienstlichen Fragen löste, genügt es, zu sagen, daß Levin das Gebetbuch für die neue Synagoge entwarf, Lewlandowski die gesamten Kompositionen dafür schuf, Singer als Kantor berufen wurde. Iosephthal selber bot sich um dieselbe Zeit eine freudig ergriffene Gelegenheit, sich über die Angelegenheiten des Judentums und besonders über die des Kultus und der Liturgie vor dem rechten Forum zu informieren. 1(869 tagte die erste Synode zu Leipzig, \87\ die zweite zu Augsburg, beide Male unter der Leitung von Moritz Lazarus. Nürnberg war durch seinen Vorsitzenden vertreten. Er verhielt sich in Leipzig schweigend, nur mit empfänglichem Gemüte die mannigfaltigen Eindrücke in sich aufnehmend'. Zn Augsburg trat er schon selbständig hervor. Er fungierte als Schriftführer der Versammlung und wurde in die wichtige Kommission für Eheangelegenheiten gewählt, für deren Arbeiten er zusammen mit seinem Berufs-, Amts- und Gesinnungsgenossen Emil Lehmann aus Dresden Mehrere Anträge gestellt hätte. Der eine verlangte die Anerkennung der Gültigkeit der Zivilehe auch vom religiösen Standpunkt aus und würde angenommen. Der andere forderte die Uebertragung der Ehescheidung bei den Juden aus der Jurisdiktion der Rabbiner und dem' jüdischen privatrecht auf die öffentlichen bürgerlichen Gerichte. Zosephthal wünschte zur Erledigung dieses Antrags erst eine genaue Prüfung der bisherigen Rechtsprechung und vor allem der Frage, welche Lhescheidungsgründe überhaupt noch praktisch seien, durch die Kommission und beantragte ferner, daß dieser Gegenstand der erste und vorzüglichste Punkt der Verhandlungen der nächsten Synode sein solle. Namentlich sollte dabei auch! die Beiziehung der Rabbiner zum gerichtlichen Verfahren und die möglichste Anstrebung einer Gleichstellung beider Geschlechter in Scheidungssachen erörtert werden. Die dritte Synode ist bekanntlich nicht zustande gekommen. Das Bürgerliche Gesetzbuch hat zudem die Beratung aller dieser Fragen überflüssig gemacht. Soweit sie noch hinsichtlich des religiösen Scheideaktes weitergehen, haben die Richtlinien der liberalen Rabbiner die Grundsätze ausgenommen, die Gustav Zosexhthal damals proklamiert wissen wollte. An der Begründung der liberalen Vereinigung und der Veröffentlichung der Richtlinien nahm er darum regen Anteil. Unvergeßlich wird es jedem Teilnehmer an der ohnedies unvergeßlichen Nürnberger Tagung der liberalen Vereinigung im Zahre l9O bleiben, wie der hochbetagte, bereits aus dem Amt geschiedene und seit Zähren ans Haus gefesselte Mann zu aller Freude in der öffentlichen Versammlung erschien und der Gegenstand herzlicher Ovation würde. Die ihm nahe stehen, wissen, welch' tiefen und nachhaltigen Eindruck diese begeisterte Versammlung auf ihn ausgeübt hat. Unsere Zeitung fand an ihm einen gewissenhaften, sachverstäüdigen und urteilsberufenen Leser, und der Richtlinienkampf zitterte

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