Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 201 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Mar Frrrchrnthal: Gustav IsfrHthal 201 Hand dazu. Die Gemeinde war ganz jung, eben erst in der Bildung begriffen, als! Josephthal 1869 an ihre Spitze trat. Sie hatte keinen historischen Besitz, der umzuformen gewesen wäre; denn zwischen dem tragischen Ende der mittelalterlichen Gemeinde 1^99 und der wiederansiedlung von Juden in Nürnberg lagen mehr als drei Jahrhunderte. Die neue Gemeinde konnte sich ihr Gewand selber zurechtschneiden, und das war nicht gut anders möglich als in modernen Formen. Aber diese glücklichen Umstände fanden in Gustav Josephthal den Mann, der sie begriff, beherrschte und auf die rechte Bahn lenkte. Er brachte alle erforderlichen Eigenschaften des Geistes, des Herzens und des Charakters in trefflicher Vereinigung mit. Scharfer verstand, energischer Wille, feuriges Temperament, eindringliche Menschen- und Sachkenntnis, unbeugsame Arbeitskraft waren in ihm gepaart mit jovialem Sinn, gütiger Gesinnung, versöhnlichem Entgegenkommen, gern geübter Hilfsbereitschaft in Rat und Tat. Der stattliche ZTTanrt, mit seinem imponierenden Auftreten und seiner vornehmen würde ragte überall um Haupteslänge hervor; aber er erdrückte nicht, sondern anerkannte auch anderen bereitwilligst Würde, Ansehen und Bedeutung. Aus dem Elternhause und der Jugenderziehung brachte er tiefen Göttesglauben und ehrfurchtsvolle Pietät gegen das Judentum und seine Lehren mit. Seine allumfassende Bildung beherrschte dessen Kultus, Geschichte und Literatur so gut wie die anderen Gebiete des Wissens. Er war ebenso durchdrungen von der ewigen Erhabenheit und 'dem Idealismus der jüdischen Religion, wie er überzeugt war von der Entwicklungs- und Anpassungsfähigkeit ihrer äußeren Formen an jeden Kulturfortschritt, wissen und Rönnen in den Dienst der Maub ensg eno ssenschaft zu stellen und ihr im Innern zu solchem Fortschreiten, in ihrer äußeren Stellung zu Achtung und Ansehen vor der ganzen Welt zu verhelfen, dünkte ihm eine heilige Pflicht für jeden Juden, besonders für jeden vornehmen und. gebildeten. Oft genug gab er seiner Entrüstung über diejenigen Ausdruck, die alle Rechte als Juden forderten, aber keine Pflicht als Juden erfüllen wollten. So war Gustav Josephthal der geborene Führer der Gemeinde, der rechte Mann, um den inneren und äußeren wirren, in denen die junge Nürnberger Kultusgemeinde als in Geburtswehen steckte, schnell ein Ende zu bereiten und sie mit sicherer und sorgsamer Hand auf die Bahn ihrer glänzenden Entwicklung zu führen. Sofort bei Uebernahme seines Amtes drängten die wichtigsten Fragen des inneren Gemeindelebens zur Entscheidung, und boten somit Gelegenheit, der neuen Vereinigung alsbald und ein für allemal ihre religiöse Prägung zu geben. Der erste Rabbiner mußte berufen, das Gotteshaus gebaut, der Gottesdienst eingerichtet werden. Nach den Anschauungen des Vorsitzenden, der Verwaltung und der Gemeinde selber konnten alle diese bedeutsamen Angelegenhetten nur in fortschrittlichem Sinne ihre Erledigung finden. In der Gemeinde war sogar die Stimmung der Mehrzahl für die Uebertragung des Rabbinats an Leopold Stein, der bekanntlich in Lehre und Leben dem äußersten Flügel der damaligen Reformrabbiner angehörte. Josephthal warnte mit seiner bedächten Klugheit davor, in die eben erst durch ihn friedlich geeinte Gemeinschaft einen Mann extremer Richtung hineinzustellen. Er soll damals das Wort geprägt haben: „Der Kutscher muß nüchtern bleiben; die im wagen sitzen, mögen betrunken sein." Aus der zeitlichen Sttuatton der Gemeinde heraus ist es wohl begreiflich. Gegen den Liberalismus als solchen, wie orthodoxe Schadenfreude später weismachen wollte, war es natürlich