Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Ar. Mar Freudenthal: Gustav Jofephthal lichkeit nicht auf ein Volk und Land beschränkt. Im barbarischen Rußland fühlt ein einsames Mütterchen denselben Schmerz um ihren Sohn, den sie draußen im Felde weiß, wie eine deutsche Mutter. wie groß steht jene deutsche Frau da, die einen in Deutschland gefangenen Franzosen mütterlich bis zu seinem Tode pflegt und die dann der fremden Mutter, die sie nicht kennt, in deren Seele sie sich aber hineinfühlt, einen rührenden Brief schreibt, in welchem sie von den letzten Augenblicken des gefangenen Sohnes und von seinem sanften Ende erzählt, und wie der letzte Seufzer des Sterbenden die Mutter im fernen Lande gewesen. Und sollte wirklich in dem „falschen Albion", in welchem so viele unter uns die vornehmsten, gütigsten Menschen kennen gelernt haben, alle Wahrhaftigkeit, aller Gerechtigkeitssinn, alle Sittlichkeit, alle Menschenliebe mit einem Male untergegangen sein, sodaß wie in Sodom keine fünf Gerechte im ganzen großen britischen Reiche wären? wer vermäße sich, solche frevelhaften Gedanken zu hegen! wir sind allzumal Sünder und sollten — auch in diesen alle Leidenschaften aufwühlenden Zeiten — gerecht und milde urteilen über unsere Feinde. Unvergleichlich schön kommt dieser Gedanke zum Ausdruck. in einer Erzählung aus dem Talmud: „In Rabbi Meirs Nachbarschaft wohnten böse Menschen, die ihm unsäglich viele Kränkungen zufügten. Da betete Rabbi Meir zu Gott, daß er sie verderben möge. Aber sein edles Weib Beruria wies ihn zurecht und sprach: ,was kommt dir in den Sinn? Steht denn geschrieben (Psalm (OH, 25), die Sünder sollen ausgerottet werden? Nein! Die Sünden, heißt es, sollen ausgerottet werden, wenn das Böse schwindet, gibt es keine Bösen mehr. Bete zu Gott, daß sie von ihrem bösen Wandel umkehren, dann sind sie keine Bösen mehr? Rabbi Meir folgte seinem frommen Weibe, und wirklich, die bösen Nachbarn kehrten zum Güten zurück." (Talmud Berachot \0a-) Es ist notwendig, daß wir uns solche Gedanken, unbeschadet unseres kraftvollen, impulsiven patriotischen Empfindens, unbeschadet unseres heiligen Hasses gegen den bösen Feind, immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, damit wir in unserer Seele und damit die Zukunft der Menschheit nicht schweren Schaden leiden.' wir dürfen nicht in satter Selbstzufriedenheit und in Selbstgerechtigkeit erstarren. Und wir dürfen in unserer Seele nicht alle Brücken abbrechen, die nach dem Kriege zu den anderen Völkern führen. Um der Versöhnung n a ch dem Kriege willen, um des Ideals der Menschheit willen, müssen wir im Kriege schon unsere Seele mit dem Gedanken nähren, daß aus dem Haß gegen das Böse die Liebe zu den Guten, fa die Liebe zu allen denen, die unserer Liebe bedürfen, das große verstehen und Verzeihen hervorkeimen muß. 6uitar> Jofephthal. Von Dr. ITlax?reudenfhal-nürnberg. “YVSit Gustav Jofephthal ist nicht bloß eine * der hervorstechend charakteristischen Persönlichkeiten, sondern auch einer der bedeutsamsten Schöpfer und Förderer des neuzeitlichen Judentums dahingegangen. Die Nürnberger Kultusgemeinde in ihrem Ansehen und ihrer Bedeutung ist sein Werk; daß sie von Anfang ihrer Entwicklung an eine moderne Prägung erhielt und ein starker Hort des religiösen Liberalismus geworden und geblieben ist, sein Verdienst. Die geschichtlichen Verhältnisse boten freilich die