Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr.-F. Seligmann: Uölkerchaß und Uüchstenliebr 199 Nikolai teilt aus seiner Erinnerung die Vorrede der predigt mit, die in Form einer Erzählung die Veranlassung enthält, die Horik gehabt haben soll, diese predigt zu verfassen. Die Erzählung ist folgende: „Der Oberst Shandy ging eines Tages mit seinem getreuen Trim spazieren. Eie fanden am Wege einen mageren Menschen in einer zerlumpten französischen Uniform, der sich auf eine Krücke stützte, weil ein Fuß verstümmelt war. Er nahm stillschweigend mit niedergeschlagenen Augen den Hut ab, aber sein kummervoller Blick sprach für ihn. Der Oberst gab ihm einige Schillinge, ungezählt, wie viel. Trim zog einen Penny aus der Tasche und sagte, indem er denselben gab: ,French dog!' „Der Oberst schwieg einige Sekunden und sagte darauf, sich gegen Trim kehrend: ,Trim, es ist ein Mensch und kein Hund!' „Der französische Soldat war ihm nachgehinkt. Auf des Obersten Rede gab Trim noch einen Penny und sagte abermals: ,Fr6ne1i dog!' „ ,Und, Trim, dieser Mensch ist ein Soldat!' Trim sah ihm starr ins Gesicht, , gab wieder einen Penny und sagte: ,French dog!' „ ,Und, Trim, er ist ein tapferer Soldat; du siehst, er hat für sein Vaterland gefochten und ist schwer verwundet worden.' Trim drückte ihm die Hand, indem er ihm noch einen Penny gab und sagte: ,Fr6N6Ü dog!' „ ,Und, Trim, dieser Soldat ist ein guter und ein unglücklicher Ehemann, hat eine Frau und vier unerzogene Kinder.' Trim, eine Träne im Auge, gab alles, was er noch in der Tasche hatte, und sagte etwas leiser: ,Frencli dog!' „Als der Oberst nach Hause kam, sprach er mit Horik über diesen Vorfall. Horik sagte: ,Es ist klar, Trim hasset die ganze Nation, welche seinem vaterlande feindselig ist; aber er kann jedes Individuum aus derselben lieben, wenn es Liebe verdient.' „Dies gab Gelegenheit, daß Horik die folgende predigt hielt." Ls gibt einen Haß, der nicht dem Einzelnen gilt, sondern dem abstrakten Inbegriff der feindlichen Macht, die meinem vaterlande schaden will. Man kann das revanchegierige Frankreichs, das seit Jahrhunderten ein Element der Beunruhigung für Europa und insbesondere für Deutschland gewesen ist, hassen. Man kann das brutale England als den Inbegriff der unersättlichen Herrschsucht, des mit dem Mantel der Tugend sich heuchlerisch verbrämenden Egoismus und Krämerneides vom Erdboden verwünschen. Man kann Rußland als die Verkörperung asiatischer Grausamkeit und Barbarei verfluchen. Wie wir das Gute lieben und den A l lgütigen anflehen, daß er das Reich des Guten und Sittlichen wachsen lasse, so dürfen wir das Böse hassen, und zu Gott beten, daß das Reich des Frevels ausgerottet werde und von der Erde schwinde. In diesem Sinne mögen wir getrost beten: „Schütte Deinen Grimm auf die Völker!" Aber indem wir das Böse, das wir in der feindlichen Nation verkörpert sehen, hassen, können wir dennoch jeden Einzelnen aus dieser feindlichen Nation, wo er uns als Mensch, losgelöst von seiner Nation, entgegen tritt, lieben und müssen uns hüten, ihm unser Mitleid zu versagen. Vergessen wir nicht: In jedem Volk und in jeglicher Zunge gibt es Gerechte und Ungerechte. Menschenliebe und Gerechtigkeit, Adel der Gesinnung und Wahrhaftigkeit sind nicht Privilegien eines einzigen Volkes. Wie die Sonne über die ganze Erde ihr mildes, reines Licht ergießt, so ist Güte und Sitt-