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Liberales Judentum · 1914-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1914) · p. Seite 198

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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198 Ar. C. Srligwarm: Uslkerhaß und Nächstenliebe alte zerbrochene Tafeln. um mich und auch neue halb beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?" „Siehe, hier ist eine neue Tafel: „schone deinen Nächsten nicht." „Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich über euch: werdet hart." Ist die Stunde Zarathustras gekommen? Sind alle alten Tafeln zertrümmert? Tritt der Haß an die Stelle der Liebe? Die Grausamkeit an die Stelle des Erbarmens? Was soll daraus werden? Einmal wird der furchtbare Krieg doch zu Ende gehen müssen. Soll dann der Haß sortwuchern von Geschlecht zu Geschlecht? Sollen dann alle Brücken abgebrochen bleiben zwischen den Nationen, die sich heute bekämpfen? Sollen dann aus lange Zeit hinaus alle internationalen Verständigungen und Verbindungen an dem stillen Hasse scheitern, der sich m die Herzen eingesressen hat? Soll unsere Jugend auswachsen mit diesem Völkerhaß in der Seele? Aber können wir unserer Jugend von Liebe zu Rußland, zu England, zu Frankreich, zu Japan, zu Serbien reden in diesen Tagen? Können wir uns selbst zu solcher Liebe überreden? Aus diese Fragen gibt es eine klassische Antwort. Sie wurde zur Zeit, da in Deutschland Aufklärung und Toleranz ausblühten, vor etwa J[50 Jahren, von Lessing gegeben. Friedrich Nikolai, der Freund Lessings. erzählt uns: während Lessing in Hamburg lebte, entstand ein großer theologischer Zwist. Seit langer Zeit war in den Hamburgischen Kirchen an den Bußtagen ein Kirchengebet abgelesen worden, worin unter anderem auch die Worte aus j)salm 79, 6: „S chütte Deinen Grimm aus die Heiden und aus die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen", standen. Im Jahre ^769 hielt Alberti und ein anderer Prediger es wider ihr Gewissen, diese Worte ferner von der Kanzel zu sprechen, und ließen sie aus dem Bußgebet aus. Go eze, streitsüchtigen Andenkens, unterließ nicht, darüber Lärm zu schlagen und seine Kollegen aufs bitterste zu verunglimpfen; der j)öbel nahm Partei für Goezen und wollte Gottes Grimm über alle ausgeschüttet wissen, die nicht wie Goeze und der j)öbel dachten. Lessing meinte, man könne das Kirchengebet in Schutz nehmen; man müsse in dieser Sache wohl distinguieren; dann werde sich finden, in welcher Rücksicht man sehr wohl so beten könne und so beten müsse. Alberti entgegnete, hier helfe keine Distinktion, denn in aller Betrachtung sei es abscheulich, ein solches 'Gebet zu beten. Lessing verfocht seinen Satz. Alberti meinte, er möchte wohl sehen, wie man das Gebot „D u sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst" mit dem Gebet vereinigen könne. Da antwortete Lessing: „Das sollen Sie sehen!" Lessing ging fort und machte in wenigen Tagen fertig: „Eine predigt über zwei Texte. über j)salm 79, 6: Schütte Deinen Grimm über die Heiden usw., und über Matth. 2 2, 3 9 (eigentlich 3. Mos. l9, l8): Du sollst deinen Näch- Nächsten l i e b e n a l s d i ch selbst" mit H o r i k. Aus dem Englischen übersetzt." Diese predigt, die als Manuskript in wenigen Exemplaren gedruckt und aus Rücksicht aus Alberti von Lessing später vernichtet worden und verloren gegangen ist, war. wie Nikolai berichtet, in ihrer Art ein Meisterstück. Horiks Manier war völlig erreicht, eben die Simplizität, eben die scharfsinnige und gutmütige Philosophie, eben die menschenfreundliche Teilnehmung und Toleranz, eben die Ausbrüche heiterer Laune, die aus dem ernsthaftesten Gegenstände ganz natürlich entstehen.

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