Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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liberales Judentum lllonatsfchrift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffdiland unter der Redaktion von Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. 171. No. 10 und 11. Jahrgang 6. Oktbr. u. IToubr. 1914. Völkerhafj und Flächftenliebe. Von Dr. C. Seligmann-?rankfurf a. 171. ie viele un entdeckte Länder liegen doch in der Menschenseele verborgen! Mir kennen uns aus in den' Straßen des Fimmels und den Tiesen der Erde, nur uns selber haben wir nicht bis in die letzten Tiefen ausgeforscht. Da reißt die Sturmflut eines ungeheuren Erlebnisses, wie dieser furchtbare Weltkrieg, uns aus der sicheren Gewohnheit unseres Fühlens und Denkens, und wir entdecken in verborgenen Abgründen unseres Seins atavistische Gefühle, die wir in uns nie vermutet hätten. Haben wir nicht das große Gassen gelernt? Der vielgeschmähte Gott des Zornes des „alten Testamentes" kommt in diesen Tagen zu seinem Recht. Tote Morte der Vergangenheit kehren zum Leben zurück. Ein furchtbares Verständnis ist uns plötzlich aufgegangen für grausame Wünsche, die wir für begraben hielten. Wenn wir sonst in unserer pesachhagada zu dem Psalmvers kamen, wo der Dichter zu seinem Gotte betet: „Schütte Deinen Grimm auf die Heiden und auf die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen", da mochten wir am liebsten diese Worte unterdrücken oder haben sie wirklich überschlagen. Uns war das Verständnis für solche Verwünschungen abhanden gekommen. Und heute? Findet das psalmwort: „Schütte Deinen Grimm auf die Völker" nicht tausendfachen Widerhall in unserer Seele? Rufen wir nicht in unserer Seele ähnliche Verwünschungen herab auf die Völker, die sich zum Untergang unseres Vaterlandes verschworen haben? Jubeln wir nicht, w'enn der Feind blutigen Untergang findet? Sind wir nicht grausam geworden in unseren Gefühlen? Lodert der Gaß nicht .in unseren Herzen, ohne daß wir uns dagegen wehren? Dünkt uns der Gaß nicht ein heiliger Gaß? Ein sittlich berechtigtes Empfinden? Wie verträgt sich dieser Haß mit der laut gepriesenen Nächstenliebe, deren sich alle Religionen rühmen? Sollen wir als Patrioten hassen dürfen, wo wir als Menschen lieben sollen? Haben alle unsere großen Ideale ihren Wert verloren? Ist das Nietzsche'sche Schlagwort von der Umwertung aller sittlichen Werte für unser Geschlecht Wahrheit geworden? „Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst", steht in der alten Bibel geschrieben. Zarathustra aber spricht: „Hier sitze ich und warte.