Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Ar. C. Srligmann: Grinnerungen aus dem Krirgsjahr 1870 der die Gemütsverfassung der israelitischen Soldaten aus eigener Erfahrung kennen gelernt, wird die Dringlichkeit der Anstellung von jüdischen Feldgeistlichen bestreiten können. Die große Mehrheit der israelitischen Soldaten ist voller Sehnsucht nach religiöser Einwirkung; sie besitzen Gebetbücher, und diejenigen, welche solcher ermangeln, äußern ein brennendes Verlangen nach denselben. Der religiöse Sinn und das Bedürfnis nach einer richtigen Leitung ist unbedingt in großer Tiefe vorhanden. Die nicht zu leugnende Schwierigkeit, welche in dem Umstande liegt, daß die israelitischen Soldaten in den Regimentern zerstreut sind, spricht nicht für die Unmöglichkeit, vielmehr für die noch größere Notwendigkeit der fixen Anstellung von jüdischen Feldgeistlichen. Das Bedürfnis sowohl als auch die Möglichkeit einer geistlichen Tätigkeit für die Israeliten in der Armee beweist meine von Sr. Exzellenz dem General von Manteussel angenommene Sendung und Ausführung derselben, wenn sie auch nur aus einen Teil der Soldaten sich erstrecken konnte. Daß es mir nicht gelungen ist, sämtliche in der Belagerungsarmee vor Metz zerstreuten Israeliten zu einem gemeinschaftlichen Gottesdienst zu vereinen, lag wesentlich nur in der Spannung des Augenblicks, wo fortwährend Gefechte bevorstanden, weshalb auch unvorhergesehene Dislokationen vorgenommen werden mußten, Umstände, die selbst aus dem Kriegsschauplätze nicht die Regel bilden. Aber die Zerstreuung der israelitischen Soldaten in dem zwölf Meilen umfassenden Lager war allerdings für mich ein mächtiges Hindernis, aber auch nur für Mich, weil ich für unfern Zweck völlig unvorbereitete Verhältnisse vorgesunden, da bei meiner Ankunft in St. Barbe und Olgy selbst die Zahl der vorhandenen Israeliten erst zu ermitteln gewesen. Lin im Lager fix angestellter israelitischer Feldgeistlicher würde mit Leichtigkeit in der Lage sein, die Verhältnisse sich zeitig zurecht zu legen und in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Abteilungen an verschiedenen Orten gottesdienstliche Versammlungen abzuhalten. Im übrigen besteht ja die Wirksamkeit des Feldgeistlichen nicht lediglich in der Abhaltung von gemeinschaftlichen Gottesdiensten, sondern vorzüglich auch in der Einwirkung aus den Einzelnen durch ersprießliche Zusprache in den verschiedenen Lagen, welche die Verhältnisse herbeisühren, und durch hilfreichen Beistand in Mort, und Tat. — Unterdessen hatte Rabbiner Dr. TreUensels in Stettin sich nochmals an den Kultusminister gewandt und ihm zwei junge Rabbiner Dr. Lewin und.Dr. Güttmann genannt, die sich bereit erklärt hatten, als Feldgeistliche zu der Armee zu gehen. Dies wiederholte Gesuch in Verbindung mit dem durch General von Manteussel zustande gekommenen Feldgottesdienst führte zu einer Allerhöchsten Kabinetsordre vom l,5. Oktober \870, durch welche die Seelsorge der jüdischen Soldaten vorläufig dahin geregelt wurde, daß den Rabbinern Dr. Lewin und >Dr. IGuttmann die Seelsorge der jüdischen mobilen Truppen und in den Lazaretten gestattet wurde." — Als der gegenwärtige Krieg ausbrach, wändte sich der Verband der Deutschen Juden und die Freie Vereinigung für das orthodoxe Judentum an die zuständige Behörde, um die Anstellung jüdischer Feldgeistlicher jn die Wege zu leiten. Nach vielfachen Verhandlungen mit dem Kriegsministerium und dem Reichskanzler-Amt würde der freudige Erfolg erzielt, daß durch Allerhöchste Kabinetsordre zunächst sechs deutsche Rabbiner als Feldgeistliche üntev den gleichen Bedingungen wie die christlichen Feldgeistlichen für. das preußische Kontingent eingestellt würden. Unter der beträchtlichen Anzahl deutscher Rabbiner,