Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 193 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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193 Dr. C. Srligmann: Erinnerungen ans dem Kriegsjahr 1870 Von Zeit zu Zeit in kleiner Entfernung von uns donnerten unsere Kanonen nach Metz hinüber, und wir fühlten das Vergängliche unseres Daseins und das Bedürfnis, uns mit unserem Gott zu versöhnen —. denn wie bald könnte es dazu zu spät sein — in der tiefsten Tiefe unseres Herzens in nie geahnter Weise, und vielen von uns, denen die Bedeutung des Jom-Kippur innerlich bis jetzt fremd geblieben war, wird sie wohl jetzt unvergeßlich klar geworden sein. . . . Erschienen waren von den im Armeekorps dienenden 7\ Soldaten einige sechzig, mehrere Stabsärzte und einige Beamte der Militärverwaltung, alle freudig bewegt, den Jom-Kippur feiern zu können, wie sehr die Intelligenz bei den jüdischen Soldaten vorwiegend ist, ersah man daraus, daß der größte Teil derselben aus Unteroffizieren, Thargierten und einigen Freiwilligen bestand, und daß in der Versammlung ein Ton des Anstandes und der Bildung herrschte, wie man ihn selten bei einem Zusammensein von eben so vielen Soldaten findet. Das Betlokal bestand aus zwei kleinen Zimmern; auf dem Misrach-Tisch brannten die Lichter, in Flaschen gesteckt, und zur Seite desselben standen einige Gewehre; die Gemeinde selbst, aus Truppengattungen aller Art zusammengesetzt, befand sich in voller Kriegsrüstung, da sie jeden Augenblick des Alarms gewärtig sein konnte. Als Vorbeter fungierte ein Unteroffizier (in seinen Zivilverhältnissen ein angesehener Kaufmann aus Thorn), der An .schlichter weise, jedoch mit innigem Verständnis, die Gebete rezitierte, und Herr Dr. Blumenstein sprach tiefergreifende Worte, die, den Verhältnissen anlgepaßt, bei vielen der Anwesenden die Tränen fließen machten, wir schieden von einander in erhobener Stimmung und tiefe Rührung im Kerzen, mit dem versprechen, uns morgen wieder zusammen zu finden. Doch leider war dies wohl 20 Kameraden nicht vergönnt, da ihre betreffenden Regimenter, die in der Avantgarde der Vorposten lagen, im Gefecht waren und ihnen kein Urlaub erteilt werden konnte, wir jedoch, die wir im Gros und der Reserve uns befanden, verbrachten den Tag in inbrünstiger Andacht und mit dankerfülltem Herzen gegen Gott, der uns, oft so wunderbar, vor dem nahe drohenden Tode und vor Verwundung beschützt hatte. Als die Sonne sich zum Untergange senkte und der Donner der Kanonen anstatt der Jehovaklänge in unser Dhr schallte, trennten wir uns, wehmütigen Trost im Kerzen und doch wieder aufgerichtet in der Hoffnung, daß Gott, der uns bisher behütet hat, uns auch eine glückliche Rückkehr in die ersehnte Heimat vergönnen werde." — — Zu der gleichen Zeit wurde auch bei der Belagerungsarmee vor j)aris in der Synagoge des Rothschild'schen Schlosses Ferneres, wo König Wilhelm vom ^8. September bis Anfang Oktober sein Hauptquartier hatte, ein Gottesdienst am Jom-Kippur abgehalten. — Durch diese Veranstaltungen kam die Frage der Anstellung jüdischer Feldgeistlicher bei der Armee in Fluß. Schon bei Beginn des Krieges hatte das Landräbbinat von Hannover bei dem preußischen Kultusminister die Anstellung einiger jüdischer Feldprediger beim Heere beantragt. Der Kultusminister von Mühler lehnte diesen Antrag mit der Motivierung ab, daß die verhältnismäßig kleine Zahl jüdischer Soldaten und ihre Zerstreuung unter alle Truppen eine etatmäßige Regelung der jüdischen Militärseelsorge unausführbar mache. Unter Bezugnahme auf diese ministerielle Ablehnung äußerte sich Dr. Blumenstein in seinem eben mitgeteilten Bericht: „Niemand,