Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Einstein: Arr Krieg und das liberale Judentum 189 denken geschwunden, die sich sonst dem Eindringen deutscher Bestandteile in den jüdischen Gottesdienst entgegenstellen. Aber gibt nur die Rriegsbegeisterung uns ein Recht, unseren Gottesdienst so zu gestalten, daß er unserem Herzensbedürfnis entspricht und jedem verständlich das zum Ausdruck bringt, was sein Inneres bewegt? Man wird gerne dem zustimmen, was j)rof. Dr. Hermann- (Lohen in seinem Vortrag: „Die religiösen Bewegungen der Gegenwart" S. 27 ff. Nr. 33 über die Beibehaltung der hebräischen Gebetssxrache ausführt. Aber auch er will ja nur gegen die vollständige Entfernung der hebräischen Sprache aus dem Gottesdienste Einspruch erheben, gegen eine quantitative Beschränkung hat er nichts einzuwenden. Und um mehr als eine solche handelt es sich wohl auch bei den Bestrebungen des liberalen Judentums nicht. Gertliche Verhältnisse und Bedürfnisse sollen dabei in Betracht gezogen werden, wenn sie überhaupt nicht berücksichtigt werden, wird unser Gottesdienst vielfach zum leeren Formalismus herabsinken. Das erschöpfende Werk von Elbogen: „Der jüdisches Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung" dürfte klar erwiesen Haben, daß unsere hebräischen Gebete zahlreiche Umgestaltungen und Erweiterungen erfahren haben, und daß wir sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen einfachen Gestalt besitzen. Soll uns in dieser Tatsache nicht ein gewisses Recht gegeben fein, auch unsererseits wieder eine Vereinfachung der hebräischen Gebete vorzunehmen und einen Teil derselben durch deutsche Gebete zu ersetzen, zumal auch der Talmud sich nicht unbedingt ablehnend dagegen verhält, daß ein Gebet in der allen verständlichen Sprache gesprochen wird. Und weiter. Bei aller Wertschätzung des Uunstgefanges darf man in der Einführung einstimmigen 'Gemeindegesangs in hebräischer und vor allem deutscher Sprache ein wertvolles Ulittel zur Sebung unserer gottesdienstlichen Feier und zur Belebung des religiösen Sinnes erblicken. Die Ausführung des vierstimmigen hebräischen Uunstgesangs sollte nur von jüdischen — wenn irgend möglich unbezahlten — Sängern geschehen. Mit wie vielen Schwierigkeiten es verbunden ist, diesen Aunstgesang aufrecht zu erhalten, davon könnte auch manche größere jüdische Gemeinde ein traurig Liedlein singen. Aber einstimmige Gesänge, von der ganzen Gemeinde vorgetragen, leben sich als unveräußerlicher Bestandteil des Gottesdienstes selbst in kleinen Gemeinden ein und pflanzen sich von Geschlecht zu Geschlecht fort. Mit den veränderten Zeitverhältnissen haben sich zu unseren üblichen Gottesdiensten auch ganz neue Anlässe gottesdienstlicher Veranstaltungen gesellt, wir feiern den Geburtstag des Landesfürsten in Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern des Landes, unsere jüdischen Rekruten erscheinen vor der Vereidigung zu feierlichem Gottesdienste im Gotteshause — ein gemeinsames Lied zum Beginn und zum Schluß des Gottesdienstes, für den eine traditionelle Liturgie nicht besteht, erhöht die Feierlichkeit und die Wirkung des Gottesdienstes in ungeahnter Weife. Wollen wir dieser Mittel zur Erzeugung echt religiöser Stimmung nur bei außerordentlichen Gelegenheiten uns bedienen, kann und darf deutsches Gebet und deutscher Hang neben unseren alten hebräischen Gebeten nicht zu allen Zeiten, an jedem Sabbat und an jedem Feste dazu führen, „die religiöse Teilnahmlosigkeit und Entfremdung vom Judentum zu überwinden und die durch Jahrtausende bewährte Treue den kommenden Geschlechtern zu vererben?"