Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Nr Einstein: Aer Krieg und dos liberale Judentum den Söhne als Opfer des Krieges verloren. Und wie hieß es dort? „Begeistert zogen sie in den Krieg. Seite an Seite sind sie gefallen, wie sie im Leben immer zusammengestanden. Sie waren . unsere Freude, unser Sonnenschein. Sie bleiben unser Stolz." Als wir das lasen, wußten wir, was Größe ist. Heute waren es die, — morgen werden es andere sein, vielleicht ganz schlichte Leute aus dem Volke, die ihren Schmerz nicht in so erschütternde Worte zu fassen vermögen. Aber die Größe stillen Heldentums lebt in ihnen allen, denn aus dem Geiste des deutschen Volkes ist sie geboren, Wir sind stolz auf unser Volk, in dem wir so viel stille Größe erleben. Oer Krieg und das liberale Judentum. Von Dr. Einstein-London (Pfalz). inen Zusammenhang zwischen den: Krieg und "dem lib eralen Judentum zu finden, erscheint wohl nicht so einfach. Denn wenn es sich um die Verteidigung des Vaterlandes handelt, da verschwinden auch im Judentum die Parteien und die Richtungen. Aein Unterschied ist zwischen Orthodoxen und Liberalen und auch die Zionisten haben ihr echt deutsches Herz entdeckt, Hessen sie sich in einer gewissen Selbsttäuschung zeitweise nicht bewußt gewesen waren. Nicht bloß diejenigen, welche zum Heeresdienst berufen wurden, find begeistert zu den Waffen geeilt, um das teure deutsche Vaterland zu schützen: unzählige jüdische Jünglinge haben sich freiwillig gestellt, und die Zurückbleibenden wetteifern in hingebender Liebestätigkeit und Opferwilligkeit. Und doch gibt uns der Krieg vom Standpunkt des liberalen Judentums zu allerlei Betrachtungen Anlaß. Nur eins möchte ich heute andeuten. Ueber die äußere Form unseres Gottesdienstes ist schon viel geschrieben worden. Aber wenn auch -von vielen Seiten unumwunden zugegeben wurde, daß sie unseren heutigen Anschauungen und Bedürfnissen nicht mehr entspricht: zu zeitgemäßen Änderungen wollten sich nur wenige verstehen. Ls ist nun einmal die Eigentümlichkeit unserer liberalen Gemeinden, daß sie vor der Einführung der als notwendig erkannten Veränderungen ängstlich zurückschrecken. Die Gründe sind zu bekannt, als daß sie zum so und so vielten Riale auseinandergesetzt zu werden brauchten. - Haben wir bei der Veranstaltung der Bittgottesdienste nicht erkannt, daß unsere alte synägogale Art, unsere Gedanken und Gefühle und wünsche vor Gott zum Ausdruck zu bringen, mit unserem Empfinden nicht mehr übereinstimmt? wenn wir auch daran festhalten, daß wir durch unsere Psalmen in allen Lagen des Lebens in der denkbar schönsten, vollendetsten und angenehmsten Form wiedergeben, was unser Herz bewegt: der hebräische Vortrag der Psalmen bleibt doch für viele etwas rein Aeußerliches, weil ihnen das Verständnis für das hebräische wort fehlt. So stand wohl bei allen Bittgottesdiensten 'das deutsche Wort, das Gebet in deutscher Sprache, die deutsche predigt im Rkittelpunkte. Und ich möchte diejenigen Gemeinden geradezu glücklich preisen, welche im Stande waren, in den Rahmen eines deutsch e n G e m e i n d e g e s a n g s die gottesdienstliche Feier einzufügen. Das hat sicherlich viele mit fortgerissen, daß sie beim Gottesdienst ihre Begeisterung beim Absingen der Königshymne oder anderer patriotischer Lieder bekunden konnten. Zweifellos sind unter dem übermächtigen Eindruck des feierlichen Augenblicks auch alle die Be-