Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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O o Ar. Coblenz: Größe 187 6röhe. Von Rabbiner Dr. Coblenz-Bielefeld. Was sind Hab und Gut und Leben? Alles Dinge, die vergehn! Daß wir vor Begeistrung beben, wenn wir uns zum Kampf erheben, das wird ewig sortbestehn, - das will Gott! Richard Dehmel. er Krieg erzieht zur Größe, zur stillen Größe der Selbstverleugnung. Vor wenigen Wochen noch lebten wir jeder einzelne nur in der Welt seiner persönlichen Interessen, und bei vielen von uns war der Blick so eng und das Herz so klein. Ueber das eigene Ich gingen unsere Gedanken kaum hinaus. Und heute? Was kümmern uns heute noch die kleinen Sorgen von gestern? Ja, selbst ein großer Schmerz, der dich sonst innerlich vielleicht gebrochen hätte, oder eine stolze Freude, die sonst wie leuchtender Sonnenglanz in deine Seele hineingefallen wäre, — was bedeuten sie jetzt noch für dein Leben? Das Weh, das dich persönlich getroffen hat, die Lust, die du persönlich genießen durftest, all deine Enttäuschungen und all deine Erfolge, sie liegen weit, weit hinter dir wie eine verblaßte Erinnerung aus ferner Zeit. Du hast dein Ich an die eine große Idee hingegeben, die unser ganzes Denken beherrscht: für das Vaterland willst du leben, für das Vaterland bist du zu sterben bereit. Zu solcher Größe hat der Krieg dich. erzogen. Nicht nur dich, den einzelnen mit seinen Keinen, persönlichen Interessen. Auch draußen im öffentlichen Leben, wo in heißem Ringen die Parteien miteinander kämpften, hat der Krieg sein großes Erziehungswerk begonnen. Wer spricht in dieser gewaltigen Zeit noch von dem Gegensatz der politischen Äleinungen? Gb ihr zur Rechten oder zur Linken euch zähltet, ob ihr historisch Gewordenes erhalten wolltet oder euch als Träger des Klassenkampfes gefühlt habt, — was liegt jetzt noch an diesen Dingen? Sie treten zurück und verblassen vor dem einen Bekenntnis: Wir sind Deutsche! und vor dem einen Gelöbnis : Als Deutsche wollen wir die heiligen Güter unseres Volkes schützen und halten! Gin Volk, ein Heer, ein Opfermut, eine Tapferkeit! Die Größe des nationalen Gedankens hebt alle Gegensätze auf und schafft jene geschlossene Einmütigkeit, der keine Macht der Erde widerstehen kann. Wundert ihr euch über die Todesverachtung, mit der unsere Soldaten draußen den Kampf führen? Mir scheint: aus dem Geiste des deutschen Volkes heraus mußten uns solche Melden erstehen. Der innere Reichtum unseres nationalen Gedankens weckt Jene stille Größe im Menschen, die die Persönlichkeit der Idee opfert. Und habt ihr solche Größe nicht auch bei denen erlebt, die daheim geblieben sind? Erlebt ihr sie nicht täglich und stündlich in der schlichten Selbstverständlichkeit, mit der die tapferen Frauen aus dem Volke das Schwere auf sich nehmen und bei aller bangen Sorge um die fernen Lieben doch stark und sicher bleiben? Und wenn erst die feindliche Kugel den Gatten, den Sohn getroffen hat, — dann stark bleiben und nicht verzweifeln, dann durchhalten und die Tapferkeit der Seele nicht verlieren! — fordert nicht auch das ein Heldentum stiller Größe? Wir alle lasen in diesen Tagen eine erschütternde Anzeige*): Eltern haben in einer Stunde ihre beiden blühen- *) Die Anzeige stand in den Bielefelder Zeitungen: Oberst Delius und Frau, die beide aus Bielefeld stammen, zeigten den Tod ihrer beiden bei Lüttich gefallenen Söhne an. Der Vater und ein Sohn stehen I noch im Felde.