Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Adolf M. Fichtenstüdtrr: Tröstliches in schwerer Zeit o O o o dabei an die schlafenden Herzen pocht, indem er ihnen ein mächtiges Wachet auf! zuruft. Und ahnen wir nicht Gottes gewaltigen Erlöserarm, der einem furchtbar, geknechteten Volk, den polen, die Befreiung aus unbarmherziger Verbrecherhand verheißt, und mit dieser Befreiung auch die Erlösung unserer gequälten und gemarterten Glaubensgenossen aus einer .Knechtschaft, die ärger als die egyptische ist, bringen will? Wahrlich ein glücklicher Ausgang dieses Krieges kommt beinahe der Lösung der ganzen russischen Iudensrage gleich. — — Und welche Religion böte erprobtere Grundlagen und ein herrlicheres Schrifttum, um uns Trost und Zuversicht einzuhauchen, als unsere jüdische! Wenn die Seelen in tiefster Bedrängnis schmachten, dann holt man, auch von christlicher Seite, unsere Psalmen hervor. Der Thoral: „Eine feste Burg ist unser Gott!" ist nichts anderes als eine Umänderung des Psalms H6: „Gott ist uns Zuflucht und Veste, ein Beistand in Drangsalen, gegenwärtig gar sehr! Darum fürchten wir nichts, wenn die Erde sich umkehrt und wenn die Berge wanken im Herzen der Meere; es tosen und schäumen seine Fluten; es erbeben Berge vor seiner Majestät, Selah! Toben Völker, wanken Reiche: Er läßt seine Stimme vernehmen, und die Erde vergeht! Der Ewige der Heerscharen ist mit uns, eine Burg ist uns der Gott Jakobs, Selah!" Oder gibt es ein herrlicheres Bild des Trostes und der Zuversicht als den Ps. „Ich erhebe meine Augen zu. den Bergen: von wannen wird mir Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt vom Ewigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Er wird nicht wanken lassen meinen Fuß; nicht schlummert dejn Hüter. Siehe, nicht schläft und nicht schlummert dein Hüter, Israel. Der Ewige ist dein Schatten, der Ewige ist dein Hüter zu deiner rechten Hand. Tags trifft dich die Sonne nicht und nicht der Mond bei Nacht! Der Ewige wird dich behüten vor allem Bösen, behüten deine Seele! Der Ewige behüte deinen Eingang und deinen Ausgang, von nun an bis in Ewigkeit!" Wahrlich, unsere ganze moderne Poesie mit all ihren mehr oder weniger gesuchten Gefühlsäußerungen ragt nicht hinan an^'die Wucht dieser mehrtausendjährigen Äußerungen der Gottesbegeisterung, die uns geleiten sollen durch die Düsterheiten dieser Zeiten, „selbst wenn wir (nach den „Worten des psalmisten) wandeln im Tale des Todesschattens". — Sie mögen uns Stärke und Trost ins Herz gießen und uns begeistern zu allen Taten der Tapferkeit und des werktätigen Opfermutes für unser teures deutsches Vaterland! In diesen Blättern ist kürzlich darüber beraten wdrden, ob wir liberalen Juden deutsche Hausandachten einführen sollen. Wenn je, so wäre jetzt die Zeit dazu. Wer jetzt eine Sammlung guter Psalm-Ueberifetzungen zur Hand nimmt, und im Familienkreis eine dieser wuchtigen, himmelstürmenden Poesien den Seinigen vorliest, der wird wohl offene Ohren und offene Herzen finden.