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Liberales Judentum · 1914-09-01 · Heft 9 (September 1914) · p. Seite 185

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 9 (September 1914)
Date
1914-09-01
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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Adolf M. Fichtenstädter: Tröstliches in schwerer Zeit 185 Tröftliches in Tchroerer Zeit. Von Adolf W. Eichtenftödter-riürnberg. ie festeste Ueberzeugung erhält erst | Wert und Inhalt, wenn sie eine Prüfung überstanden, wenn sie sich in den Nöten und Stürmen des Lebens bewährt und als widerstandsfähig erwiesen hat. Das bezieht sich, nicht zuletzt, auch auf die religiöse Ueberzeugung. Alles, was in uns lebt und webt, was uns in Beziehung zu Gott bringt, soll uns nicht nur zu guten, sondern auch zu starken Menschen machen. Der Gottesglaube kann uns aber nur dann gut und nur dann stark machen, wenn er mit unbezwingbarer Kraft in unserer Seele lebt, wenn kein Sturmwind irdischer Ereignisse ihn entwurzeln kann. Das haben wir, wenn wir es nicht vorher wußten, in den letzten Tagen erfahren. Wie ein Weltuntergang haben sich die Ereignisse über uns gestürzt, mit einer Gewalt, als ob der jüngste Tag gekommen wäre. Glücklich noch diejenigen, die mit ausziehen konnten, um im tatenkräftigen Ringen ihre Kräfte zu entfalten. Wir Aelteren oder Kampfunfähigen, die mit pochendem Herzen Zurückbleiben mußten, wir haben oft mit Neid auf diejenigen geschaut, die mithelfen konnten, das Schicksal zu bestimmen. Wir mußten und müssen noch all unsere Zuversicht auf ein göttliches Weltgericht zusammennehmen, um nicht unsere Fassung zu verlieren. Jawohl! Auf ein göttliches Weltgericht! So selten wie im Leben des einzelnen Menschen das göttliche Walten zum Ausdruck kommt, so unzweideutig äußert es sich im Leben der Völker und Nationen. Wie viel Wahrheit liegt doch in dem Dichterwort: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht! Dem Gerechten, dem Tüchtigen ist der Lohn Vorbehalten, darum muß in diesem Völkerringen unser deutsches Volk Sieger bleiben. Das war unsere Zuversicht in diesen ernsten schweren Tagen, dieses unser vertrauen in das göttliche Walten. Diese Zuversicht hat uns bis jetzt nicht betrogen und sie wird uns nicht betrügen. Wie ein Strafgericht Lottes ist dieser gigantische Kampf über die Erde gekommen, über alles, was in bürgerlicher Sicherheit und in bürgerlichem Wohlsein dahinlebte, über alles auch, was in Hochmut, in Schwelgerei und Prahlerei sein Dasein verbrachte. Betriebe, .die lohnend wie Goldgruben waren, sind lahmgelegt; vermögen, die ihren Inhabern allen Luxus gestatteten, sind ganz oder teilweise wertlos geworden; alle werte hängen in der Luft. Aber gerade hierin zeigt sich eine tröstliche Erscheinung. Man hört kein Jammern und kein Klagen. Jedermann hält es für selbstverständlich, daß sein eigenes Schicksal keine Rolle spielt gegenüber dem der Allgemeinheit. Tausende, die es in gewöhnlichen Tagen als ein Unglück ansehen würden, zum Kampf herangezogen zu werden, sind sich innerlich klar darüber, daß sie jetzt lieber hundert Tode sterben, als zuseh'en möchten, daß Deutschland in die Hand seiner Feinde fiele. Wir werden mächtig aufgerüttelt aus unserer "spießbürgerlichen Ruhe, und unendlich viel Gutes, das im Volke schlummert, wird wachgerüttelt. Wir fragen nicht mehr, ob die Gäben, die wir spenden, unseren Verhältnissen entsprechen; wir geben so lange wir selbst noch etwas besitzen. Die bequemsten von uns, die sich sonst selbst so gerne bedienen ließen, pflegen in hingebender Weise verwundete. An unseren Tischen speisen wir arme Kinder. Ein Stück reinen Menschentums tritt zu Tage, erschütternd und erhebend! Müssen wir nicht die Hand Gottes in allem sehen, die Erscheinung Gottes selbst, der als Kriegsgott über die blutende Erde schreitet und

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