Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Nr. C. Sriigrnann: Zum Neujahrsfeste digen und bestimmst jedem Wesen sein Geschick", da möchte auch ichdir huldigen können und zu dir beten. Aber bergehoch türmt sich der Zweifel in meinem Kerzen. „<D Gott, wo find' ich dich, der tief in Dunkel sich verhüllt?" „Und wo nicht find' ich dich, der überall die Welt erfüllt?" wenn Gott wirklich unauffindbar wäre, wie hätten ihn die Menschen je gefunden? wie käme es, daß sie ihn zum Mittelpunkte ihres Lebens, zur wichtigsten Tatsache des Menschengeschlechts machten? Wie käme es, daß in hohen Augenblicken, da der Mensch sich seinem Gotte näher fühlt als sonst, ein wunderbares Erlebnis die stille Sprache Gottes redet, daß dem empfänglichen Ohr „die Himmel erzählen von der Herrlichkeit Gottes, und das Weltall seine Schöxfergröße preist!" Laß nur das innere Auge und Ohr seine letzten Pforten öffnen, und hell und licht drängt sich durch sie die Herrlichkeit des Schöpfers: Aus dem Sturmhoch braust seine Stimme, aus der Sonne flammt sein Licht, aus dem Meere rauscht seine Allmacht, aus dem silbernen Abendfrieden glänzt seine Majestät, aus der Harmonie der kreisenden Gestirne funkelt seine Weisheit, aus dem rieselnden Regen quillt sein Segen. Unser Leben ist sein Geschenk, unser heißbegehrtes Leben. Und sein Geschenk ist dieses Lebens unverdiente reiche SegenLfülle. Lr legte uns in der Liebe Arm und gab uns Mitleid und Mitfreude als seine Engel auf den Lebensweg. ,,wär' unser Mund voll Sanges wie die Meeresfülle und unsere Lippen an Liedern so reich wie Sterne am Himmel stehen — wir wären dennoch nicht imstande, dir zu danken, unser Gott, für die tausend und abertausend Myriaden Wohltaten", die wir — so selbstverständlich — von dir hinnehmen Tag für Tag. Du hast die Erde uns geschenkt mit all ihrer ewig sich erneuenden Fülle. Du hast die Wunderwelt des Geistes in unserm Innern leuchtend aufgebaut. Du hast von deiner Weisheit einen Hauch in uns gelegt. Du läßt den Silberglockenton aus deiner Welten verborgener Herrlichkeit in unsere Welt hinüberklingen. In deines Segens unbegreiflich wunderbarer Fülle, in der ahnungsvollen Sehnsucht unsrer Seele, in der Rinder gläubigem Händefalten, in der Seligkeit der Liebe, im Sternenglück der Hoffnung, im suchenden Angstruf des Gewissens, in der stillen Demut duldender Menschengüte, in der Seelengröße selbstverleugnender Pflichterfüllung, in der Tapferkeit des Bekennens, in der Rraft des Glaubens offenbarst du dich. „O Gott, wo finden wiv dich nicht, der überall die Welt erfüllt? Wohl jagen dunkle Wolken über diese hellglänzende Gotteswelt, wohl welken viele hoffnungsreiche Blüten in der prangenden Lebensfülle, wohl wälzen sich verheerend des Verderbens Fluten über das stillumhegte Menschenglück, wohl umfängt uns rings ein dichter Wald von Unbegreiflichkeiten, wohl verdunkelt sich uns oft die Welt, daß wir nicht Sinn und Weisheit in ihr finden können und unser Glaube an Rultur und Fortschritt wird, wie in unfern Tagen, auf eine harte Probe gestellt. Aber weil wir das große Buch der Schöpfung nicht verstehen, darum dürfte es keinen verstand haben? weil wir des Rätsels Lösung nicht finden können, darum gäbe es keine Lösung? weil Gott nicht in allem so ist, wie >wir Menschen ihn gerne für uns haben möchten, darum soll er nicht sein? Die Welt richtet sich nun einmal nicht nach unfern ungemessenen wünschen. Das göttliche Gesetz bricht seine heilige Fessel nicht um unserer Träume und Rlagen willen, w i r müssen die Welt nehmen wie sie ist. Wir müssen die Folgen unserer Taten auf uns nehmen, wir müssen den furchtbaren Ord-