Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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liberales Judentum ITlonatsfdirift für die religiösen Intereffen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutfdriand unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. M. No. 9. Jahrgang 6. September 1914. Zum Neujahrsfeste. Von Dr. C. Seligmann-frankfurt a. 171. O Gott, wo find' ich dich, Der tief in Dunkel sich verhüllt? Und wo nicht find' ich dich, Der überall die Welt erfüllt? Jehuda Halevi. Mit blutigen Schritten schreitet der Krieg über die Lrde. Das scheidende Jahr ertönt von Grabgesang und schaut uns mit tränenvollem Antlitz an. Aus brechenden Kerzen, a-us zuckender Todesqual, aus Trümmern zerstörten Glückes, aus trostlosem Menschenweh zittert die Frage zum Himmel empor: „D Gott, wo find' ich dich, der tief in Dunkel sich verhüllt?" wenn es einen Gott gibt, warum sind so tränenreich die Schicksalswege? Warum blutet unser Leben aus tausend Wunden? Warum ist die Natur so mitleidlos und das Schicksal so grausam? Lin Notschrei schallt aus Millionen gequälter Menschenseelen zum Fimmel empor, aber der Himmel ist taub gegen allen unverdienten Jammer. Oder sollte alles verdient sein, aller Schmerz, alle Not, alle Aual, die des Schicksals dunkle Urne birgt? Wählt die mörderrische Kugel zwischen Gerechten und Ungerechten? Hemmt das blinde Geschoß seinen Lauf, um den Frommen nicht zu verletzen? Trieft nicht die Geschichte vom Blut unischuldig Erschlagener? Dröhnt nicht der Fimmel vom Stöhnen unschuldig verwundeter? Weiß das eherne Weltgesetz, das in allen Dingen waltet, etwas anderes als grausame Notwendigkeit? wo ist der Gott, der die Fallenden stützet und die Kranken heilt und die Gefangenen befreit und die Seele derer, die im Staube schlummern, erlöst? Wo ist der lebendige Gott, der allgütige Vater, der die trostlosen Kerzen aufrichtet und die müden Seelen labt und die Finsternis der Menschennacht erhellt? Ist er ein Traum nur, ein märchenschöner Kindertraum? Ist er nur ein glühender Wunsch ohne Wirklichkeit? Lin Schatten unserer Sehnsucht, ein goldener Ton, der aus unserem betrogenen armen Kerzen in den kalten, leeren Weltraum klingt? <D (Sott! G Gott! Den Saum deines Gewandes möcht' ich küssen, warum in Dunkel hüllst du dich? „wie ein Hirsch nach frischen wassern, so schreit meine Seele nach dir", warum hörst du nicht? Am Neusahrstage, an dem man dir huldigt als König der Welt, am „Tage des Weltgerichts", an dem man zu dir betet: „Vor deinem allsehenden Auge wandeln die Geschlechter der Menschen, wie unter b>em Stab des Hirten die Herde wandelt; du zählst und prüfest die Seelen aller Leben-