Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1914-09-01 · Heft 9 (September 1914) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 9 (September 1914)
Date
1914-09-01
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3126481-3126546-3126555--1826-3128654
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ar. C. Seligwann: Jum Neujahrsfeste 183 nungen im Lebensgeschäft uns anbequemen. Wir müssen unsere Wünsche in Linklang bringen mit dem göttlichen Weltgesetz, wir müssen Gottes Willen demutvoll zu unserem Willen Machen und zu seinen Schickungen, den bösen wie den guten sprechen lernen, wie unsere Alten sprachen: Was Gott tut, das ist wohlgetan, wir müssen selbst aus dem Bösen, aus Schmerz und Aual, aus Not und Tod inneren Gewinn davon zu tragen suchen. Leiden sind Gottes Boten, gesandt unser inneres Auge aufzuschließen für den höheren Sinn des Menschendaseins. Sie lehren uns, alles Litle und Kleine von uns abzutun. Sie warnen uns, nicht an des Lebens vergängliches Glück unser Herz zu hängen. Sie mahnen uns, daß das Leben eine Ausgabe und eine Pflicht sei und keine Stätte bequemen Lebensgenusses und Haschens nach Glück. In jedem wahren Unglück liegt ein Schatz verborgen. Not und Leid vertieft unser Leben und läßt in uns eine Kraft geboren werden, von deren Dasein wir nichts ahnten. Zeigt uns das nicht jeder Blick in unsrer Zeit? Unsere weisen erzählen: Ls war einmal ein Töpfermeister, der hatte verschiedene Gefäße auf seinem Herde gebrannt. Nun wollte er die Güte seiner Gefäße prüfen. Das tat er vermittels eines Stockes, mit dem er auf die Gefäße schlug. Die guten hielten stand und gaben einen schönen Ton. Die schlechten hielten den Schlag nicht aus und zerbrachen. — Die Gefäße des Töpfers sind die Menschen. Die Schwachen und Unedeln zerbrechen unter den Schlägen des Geschickes. Die Starken und Ldeln bewähren unter den Schicksalsschlägen ihre Kraft und ihren wert. Statt zu hadern mit ihrem Gott wegen unerfüllbarer Forderungen an das Schicksal, finden sie sich in demutvoller Frömmigkeit ab mit dem Unabwendbaren und ringen sich aus Weh und Not zu größerer Lebenstiefe und Gpferkraft hindurch. Nur die Schwachen verlieren ihren Gott, ihren Halt, im Lebenskampfe, die Starken finden ihn. So liegt es an uns, ob wir ihn finden oder nicht finden wollen. Db wir es halten wollen mit jener unheimlichen Weisheit, die ihren Stachel wieder sich selber kehrt, die uns jedes Trostes im Leiden, jedes Lebensmuts beraubt, die uns bettelarm macht in dieser reichen Welt, die uns in ein Dasein ohne Zweck, ohne Sinn, ohne Trost, ohne Hoffnung verbannt, die aus dem ganzen Leben ein nichtiges Spiel sich haschender und fliehender Llemente und aus allem edlen Streben, aus Wahrheit, Treue, Gpfersinn eine kindische Torheit macht. - Keine besseren Gründe weiß dieser lähmende Unglaube für seinen Unglauben in die Wagschale zu werfen als der tapfere Glauben für seinen Glauben, kein stärkeres Gewicht an Gründen. Aber wir verarmen, wenn wir stehen bleiben bei der verzweistlungsvollen Frage: „CD Gott, wo find' ich dich, der tief in Dunkel sich verhüllt"; wir werden reich und lebensstark, wenn wir uns durchikämxfen zu der trostvollen, mutigen, frommen Lebensweisheit: „D Gott, wo finden wir dich nicht, der überall die Welt erfüllt!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.