Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 176

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Date
1914-08-01
Page
Seite 176 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126546-3126554--1818-3128645
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

176 O O o o Ar. Csblenz: Alt werden Kit weräen. Von Rabbiner vr. (oblenr-Bielekelck. Am Glück anderer Leute teilnehmen, I auf ihre Gefühle eingehen, das Leben noch einmal mit ihnen und in ihnen durchleben, das ist alles, was alten Leuten übrig bleibt. Und ich glaube, das soll auch so sein, da der Hauptzweck des Lebens in der Ueberwindung des eigenen Ich in jeder Bedeutung dieses Wortes besteht. Max Müller. Alt werden will jeder, alt sein will niemand. Denn hinter dem Alter steht der Tod, und niemand läßt sich gern an das Sterben erinnern, wenn es so ginge, wie wir wiollen, dann blieben wir ewig jung, im Vollbesitz unserer Schaffenskraft, unberührt von den Beschwerden des Alters. Aber es geht eben nicht nach unseren wünschen. Die Jahre enteilen, ohne daß wir in ihren Lauf eingreifen könnten. Ob wir wollen oder nicht: wir werden alt. Da heißt es, sich nicht vom Alter überraschen lassen! wir müssen frühzeitig zu unserem Leben ein Verhältnis gewinnen, das uns mit dem Alter aussöhnt und das Alter erträglich macht, wir müssen unserem Leben einen Inhaltgeben! Ich kann mir nicht denken, daß ein Mensch, der den Aufgaben seiner Zeit volles Verständnis entgegengebracht und mit lebendigem Interesse an ihren Arbeiten teilgenommen hat, je alt werden kann. Die Last der Jahre mag ihn drücken, innerlich bleibt er jung. Und wenn er auch nicht mehr imstande ist, wie früher zu wirken, an die Stelle der schöpferischen Kraft ist ein anderes getreten, das das Herz licht und hell macht, wie die untergehende Sonne den scheidenden Tag verklärt: Erinnerung. Aber Erinnerung von der rechten Art! Sonst wirkt sie verbitternd und läßt den Menschen einsam werden. Alte Leute dürfen sich nicht so ganz in die Vergangenheit einsxinnen, daß sie das Verständnis für die Gegenwart verlieren. Sie müssen auch für die Forderungen des neuen Geschlechts ein offenes Auge haben, müssen daran denken, daß jeder Mensch nur seiner Zeit dienen kamr, und daß jede neue Generation wieder neue Aufgaben stellt und neue Pflichten bringt. Freue dich, wenn du deiner Zeit dienen durftest, aber bescheide dich auch, wenn mit deiner Arbeitskraft auch deine Zeit vorüber ist! Diese Erkenntnis wird uns allerdings schwer. Denn nichts tut dem Menschen so weh, als wenn er sehen müß, wie andere an seine Stelle treten und neue Ideen die> Arbeit seines Lebens verdrängen. Die Welt bescheinigt ihm damit, daß sie auf seinen Dienst verzichtet. Da heißt es, sich abfinden und doch die Heiterkeit der Seele nicht verlieren! Das Alte in der Erinnerung verklären, und doch an dem Neuen mit lebendigem Interesse teilnehmen, nicht als Schaffender, sondern als Betrachtender! Das ist vielleicht die schwerste, aber auch die schönste Aufgabe, die dem Alter gestellt ist. Alte Leute müssen zufrieden sein, wenn die Arbeitsfreudigkeit der jungen Generation sie in der Erinnerung das Glück des Schaffens aus der eigenen Jugendzeit noch einmal durchleben läßt. Damals sind sie die Schenkenden gewesen, die mit vollen fänden gaben. In den Boden der Zukunft streuten sie die Körner ein. Jetzt ernten die Jungen, was die Alten gesät. So geht es im ewigen Kreislauf fort: Die Schaffenden von Heute werden morgen ruhen. Eine Generation folgt der anderen, die Späteren empfangen von den Früheren, und jeder geht doch seinen eigenen Weg. Es ist wie das Spiel mit dem goldenen Ball: „Im Saal der Zeiten weithin sieht mein Blick Dem Spiel des Lebens zu, gefaßt und heiter,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.