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Liberales Judentum · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 175

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Date
1914-08-01
Page
Seite 175 (sequence 19)
Language
German
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o o O 0 Prof. Br. Stern: Brr religiöse Urform 17L Religion soll ja Leben bedeuten: Wir werden nie und nimmer unsere von den Vorfahren so schwer erworbenen bürgerlichen und sozialen Rechte preisgeben, wir wollen für ihre Erweiterung noch ferner kämpfen, wir werden nie und nimmer die europäische Kultur an deren Aufbau die Juden ehrlich unter erschwerenden Verhältnissen und nicht in letzter Reihe mitgearbeitet Haben, aufgeben, vielmehr werden wir im Vereine mit den Besten aller Völker an Erhöhung, Verbreitung und Erweiterung des Kultur, jeder nach seiner Kraft und in seinem Kreise noch ferner Mitarbeiten. lvir werden aber auch Mitarbeiten für die Stärkung des jüdischen Bewußtseins, denn unsere historische Aufgabe, die Erhaltung des Judentums kann nicht ein Einzelner ohne Zusammenhang, kann nur die Gesamtheit erfüllen. Zu allen diesen Bestrebungen bedürfen wir der Organisation aller liberalen Juden, nicht nur der in Deutschland. Ohne Organisation wird das liberale Judentum zerrieben und aufgerieben, denn es wird gepreßt vom Indifferentismus auf der einen, von der organisierten Orthodoxie auf der andern Seite. Indifferentismus oder Orthodoxie als Sieger würden aber das mitteleuropäische Judentum der Auflösung xreisgeben. Daß es der Indifferentismus täte, ist selbstverständlich; das mitteleuropäische Judentum ist aber zu gebildet, um noch orthodox zu werden, es kann nur liberal sein und es kann sich nur erhalten, wenn es sich organisiert. Das liberale Judentum bleibt der alten Lehre treu, sein unverrückbares Fundament ist die Bibel, das heilige Erbgut des Volkes Israel. Diese Lehre soll nach dem Vorbilde des Talmud auch unsern Zeitverhältnissen entsprechend, religiöses Leben werden. Die Uebung der religiösen Vorschriften ist nicht die Religion, ist Betätigung der Religion; die Religion ist immer dieselbe, die Betäügung der Religion wird immer den jeweiligen Geistesfortschritten angepaßt und die religiösen Institutionen mit dem Fortschritte der Kultur weiter entwickelt. Die Talmudweisen, unsere religiösen Autoritäten, haben uns auf den Weg geführt, der mit dem Kulturfortschritt in gleicher Linie liegt. Darum mußte jede Partei im Judentum, die die notwendige Entwicklung nicht einsah und bei Betäügung der Religion auf einem nur früher berechtigten Standpunkt beharren wollte, wie Sadduzäer, Karäer, Essener und Thassidäer verkümmern, und keine solcher Parteien hat auch nur etwas zum Ruhme des Judentums und zur Hebung der jüdischen Gemeinschaft beigetragen. Die Juden dürfen. nicht verkümmern, sonst verkümmert auch das Judentum. Als zusammenfassendes Schlußwort sei es ausgesprochen: Lsier ist das prinzix, das Ziel und der Weg der Reform gegeben. Das prinzix ist die Gleichsetzung von jüdischer Religion und jüdische Gemeinschaft. Von diesem Gedanken wird die Reform getragen. Das Ziel ist die Ehre, der Glanz und Ruhm des jüdischen Namens, daß er volles Menschentum bedeutet. Der Weg ist den jeweiligen Zeitverhältnissen angepaßte Betätigung der Religion.

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