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Liberales Judentum · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 172

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Date
1914-08-01
Page
Seite 172 (sequence 16)
Language
German
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172 O Q O O Prof. Ar. Stern: Are religiöse Reform kürzten ihn für sich ab, weil sie das Thorckstudium zumindest für ebenso wichtig wie das Gebet hielten, und man kann hinzusügen, weil das Thorastudium sie über das dumpfe Alltagsdasein erhob. heute must man daraus Rücksicht nehmen, daß die Mauern des Ghetto gefallen sind) und daß das Leben einen reichen geistigen Inhalt gewonnen hat. Also, kurze Gebetsdauer, keine endlosen Wiederholungen der Gebete, keine maßlose Anhäufung von Psalmen und einzelnen Bibelversen, die noch dazu an jedem Tage wiederholt werden. Ist es wirklich gar so wichtig für die Erhaltung des Judentums, beim öffentlichen Gottesdienst täglich das Achtzehngebet dreimal, und das Kaddisch wenigstens dreizehnmal zu rezitieren? Alle Gebetstücke, mit belanglos wenigen Ausnahmen, sind von hoher B-edeutung, eine angemessene Verteilung würde sie jedoch ins rechte Licht setzen. Der Einzelne kann ja für sich beten, wieviel und wie lange sein Herz erheischt, der öffentliche Gottesdienst beschränke sich auf ein Minimum. Vor allem aber Einheitlichkeit des Vorganges in den Gemeinden. Da beim hebräischen unsere Gefühle mitjschwingen, da die nicht alltägliche Sprache, die dazu eine heilige ist, mehr als Gemeindegesang, eine besondere Weihe gibt, muß das hebräische bleiben. Was der Vorbeter laut spricht, sollte nur in hebräischer Sprache vorgetragen werden, doch müßte für eine solche Einrichtung des Gebetbuches gesorgt werden, daß jeder, selbst wenn er das hebräische nicht versteht, seine Befriedigung beim Gottesdienste findet. Mit einer Ueberfetzung, und sei sie die beste und freieste, die die Leute verwirrt, statt sie dem Gottesdienste genau folgen zu lassen, ist nicht geholfen. Talith und Texhilin sind neutrale Zutaten, sie schaden und nützen nicht. Angemerkt sei nur, daß es an Sabbathen und Feiertagen ohne Tephilin und bei den Abendgebeten ohne Tephilin und Talith schon jetzt ganz gut geht. Was anzustreben ist, ist ein öffentlicher Gottesdienst voll Weihe und Würde in weihevollem, schönem Gotteshause, daß jeder fühle, er befinde sich im palaste in der Nähe seines Königs, vor dem er den hofdienst als Beweis der Liebe und Verehrung und als Kind des Volkes Gottes zu verrichten habe. Der öffentliche Gottesdienst bilde den Höhepunkt des Tages für jeden. Der öffentliche Gottesdienst sei so schön als nur möglich, so künstlerisch ausgestaltet als nur möglich, selbstverständlich an Sabbathen und Festtagen reicher entfaltet als an Wochentagen. vielleicht wäre ein einmaliger Gottesdienst an Wochentagen genügend, denn weniger ist oft mehr. Die Sabbathe und Feste müssen alle bleiben, sie sind die zweite Tragsäule des Zusammenhanges der Bekenner des Judentums und sie verbinden uns mit der Vergangenheit. Auch der zweite Feiertag darf nicht einfach abgeschafft werden, da er sich durch die zwei Jahrtausende seines Bestehens eingelebt hat. Nur sollte, mit Berufung auf die Tekanotb N. Iochanans, Lulab, Maskir und Echofar auf den ersten Tag verlegt werden, auch wenn dieser ein Sabbath ist, damit auf diese Weise der zweite Feiertag sich auslebe und nach und nach verschwände, so wie er nach und nach gekommen ist. Mit der gebotenen strengen Sabbathruhr verhält es-sich wie mit dem ^peisegesetz. Wir wollen keinen Unterschied zwischen biblischen und talmudischen Sabbathvorschriften machen, denn die Bibel verstehen wir nur durch den Talmud, und unser Judentum ist das biblischtalmudische Judentum. Jeder befolge von den Vorschriften alles, was das Herz ihm vorschreibt. Man hat aber Rücksicht darauf zu nehmen, daß es sich oft um die Existenz von Weib und Kind handelt, und daß man oft dem Arzte gleicht, der um ein Menschenleben und sei es ejn ihm ganz fremdes, die Sabbathvorschriften übertreten muß. Der Arzt darf

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