Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 169 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Prof. Ar. Stern: Air religiöse Urform 16S lich. Daß es besser werden könne im Reich, scheint keinem in den Sinn zu kommen, noch weniger findet sich jemand, der sich im Ernst oder Scherz darüber den Kopf zetzbräche, wie es besser werden könne. Die einen freuen sich ihres Lebens, die andern beklagen in dumpfer Verzweiflung das Elend der Zeit oder lassen an ihr den müssigen Spott aus. Seinem Volke ein ideales Ziel zu weisen, worauf sich dessen Streben rickp ten könnte, betrachtet kein Schriftsteller als seine Aufgabe. Das ist ein Symptom des Verfalles." Das liberale Judentum will aber nicht verfallen, es fühlt sich gesund, es arbeitet für die Zukunft des Judentums, für die Erhaltung des Wesens des .Judentums. Und vergessen wir es nicht, der religiöse Libers lismus von heute ist die Orthodoxie von morgen, denn die Entwicklung wird auch nach uns fortschreiten. Unsere Nachkommen werden von unserer Zeit spreche^, wie wir von der Zeit R. Iochanans sprechen, wenn wir die Form festftellen, in der in unserer Zeit das Judentum den Nachkommen erhalten bleiben kann. III. Das Prinzip der Reform. Das Wesen des Judentums besteht zunächst in seinem Glauben an den einigeiNjzigen Gott, den allmächtigen Schöpfer der Welt, den allgütigen Vater aller Wesen, den allgerechten, allwissenden Richter aller Handlungen und Gedanken, dem wir vertrauen in jeder Not, dem wir angehören mit ganzem Kerzen, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen. Metaphysische Abhandlungen über Gott und sein Wesen gehören in das Gebiet der Philosophie, meinetwegen in das Gebiet der Theologie, aber durchaus nicht in das Gebiet der praktischen Religion, die Leben und nicht Spekulation bedeutet. Es kommt bei Betätigung der Religion auch nicht gar so viel auf solche Spekulationen an; sowohl Maimonides wie sein theologischer Hauxtgeglner, Abraham ben David, waren gleich fromme und gleich gute Juden. Mag sich jeder, seiner individuellen Geistesrichtung und Begabung nach, seinen Begriff von Gott bilden und mögen ihn Religionsphilosophie und Theologie darin unterstützen. Die Religion ist Sache des Gemütes, und das Bestreben der jüdischen Religionslehre ist es, die Juden vor Aberglauben und falschem Glauben zu schützen, vor jedem Glauben, der der Vernunft widerspricht, wenn auch unsere Glaubenssätze keine Erfahrungswahrjheiten find, wenn sie sich auch nicht aus Vernunftschlüssen ergeben, dürfen sie doch nie und nimmer der Vernunft und den durch Erfahrung und Wissenschaft gefundenen Wahrheiten widersprechen, wie das IudeiH. tum die Verneinung des Götzendienstes ist, ist es auch die Verneinung eines jeden Aberglaubens und falschen Glaubens. Zum Wesen des Judentums gehört als zweiter wichtiger Bestandteil, als Konsequenz seines Gottesglaubens, der optimistische Messiasglaube und der Glaube an die historische Bestimmung des jüdischen Volkes, das messianische Ideal anzustreben, wir stehen nicht an zu sagen, daß sich das Volk diese historische Bestimmung durch den Mund der Propheten als seine wesentlichste 2lufgabe gesetzt hat, und daß dieses Ideal auch der Entwicklung unterliegt, aber zu jeder Zeit war es das Reich Gottes auf Erden, das Reich vollkommener Gerechtigkeit, allumfassender Nächstenliebe, vollendeter Sittlichkeit und der Gleichwertigkeit aller Menlschenseelen. Zum Wesen des Judentums gehört als Folge unserer Angehörigkeit zu Gott die Gpferwilligkeit im Dienste Gottes: immer bereit zu sein, alle Opfer zu bringen, die notwendig und zweckgemäß sind, um das Judentum und seine Träger nicht