Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 168 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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168 O O- 0 o Prsf. Ar. Stern: Air religiöse Reform rnuß, kein Vernunftschluß kann zwingend fot* dern, daß inan seinen Nebenmenschen in der Not beistehen soll. Die Philosophie lehrt ver-- nünftig begreifen und resignieren, die Religion lehrt hoffen und warten, sogar bis über den Tod hinaus. Die Philosophie lehrt ver> nünftig sein und alles tolerieren, die Religion lehrt begeistert sein, für ein Ideal kämpfen und dafür Opfer bringen. Opfer bringen ist das charakteristische Merkmal des Religiösen. Begreiflich erscheint es nun, daß der Vorwurf, den man der rationalistischen Reform macht, bewußt oder unbewußt zum Auft geben des Wesens des Judentums, zur gänzlichen Assimilation zu führen, nicht unberechtigt .ist. Assimilation ist nicht äußere Anähnlichung und nicht Anpassung an die äußeren Verhältnisse, denn dies ist ganz berechtigt und hat mit dem Charakter nichts zu tun. Assimilation ist Wesensgleichheit, Aufgabe seines bisherigen charakteristischen Wesens, und das hängt wohl mit dem Charakter zusammen; wie palatzky sagt: „wenn ich der letzte der Zigeuner wäre, würde ich nicht streben, kein Zigeuner zu sein, sondern streben und wirken, daß das Zigeunertum durch mich ein wenig, sei es noch so gering, gehoben würde." Da das Wesen des jüdischen Volkes das Judentum ist, muß die Assimilation endlich dahin führen, das Judentum aufzugeben. Das ist die Schattenseite der nachmendelssohnschen Reform, die doch sonst ein goldenes Blatt in der Geschichte des Judentums bildet. Ohne diese Reform steckten wir noch heute im geistigen Ghetto, es wären nicht an jeder Hochschule auch jüdische Lehrer, die Welt hätte nicht die großen jüdischen Künstler, es gäbe keine von jüdischen Männern geschriebene Werke, die den Gebildeten aller Völker das geistige Besitztum mehren, schwerlich hätten wir auch die großen jüdischen Industriellen, und unsere jüdh- Schulen wären Cheder und Ieschibah. geblieben. wir sehen heute, von Ehrfurcht erfüllt, alle Lichtseiten der rationalistischen Reform, wir erkennen mit unendlicher Dankbarkeit das an, was sie uns gebracht hat, wir sehen heute aber auch ihre Schattenseite, nicht um sie zu beklagen, sondern um den Fehler gut zu machen. Dieses ist die Aufgabe einer neuen Reformperiode, d,ie alles Güte und Schöne der beiden geschilderten großen Reformxerioden festhält und den Fehler meidet. Alle, die das Gesetz der Entwicklung der Formen anerkennen, besonders die Rabbjner, sind berufen, die Re-< form in die richtigen Wege zu leiten. Immer noch fanden die Rabbiner die neue Form, wenn die Zest nach ihr verlangte, denn in gewissem Sinne sind sie die Fortsetzung des Synhedrins, ein Organ der Religion, um der Entwicklung der Form Ziel und Richltung zu geben. Das ist keine Ueberhebung, das ist Pflicht, schwere Pflicht, denn ihrer Erfüllung steht Schmähung und Anfeindung bevor, wie es immer war und wie es jetzt die liberalen Rabbiner in Deutschland erleben. Rkögen die Gegner fluchen, schon Mendelssohn erwiderte den Fluchenden .mit dem psalmverse: „Mögen sie fluchen, ich werde gesegnet sein", und Mendelssohns Name bedeutet tatsächlich Segen. Es gibt für jene, die berufen sind, für Judentum und> Juden zu leben, keine Wahl. Allen Bedenken der Liberalen gegenüber sei ein Wort aus der Geschichte des Unterganges der antiken Welt zitiert; was da vom römischen Staate gesagt ist, gilt von jeder Gemeinschaft, auch der religiösen: „Jedes gesunde Volk freut sich an der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, seine Philosophen entwarfen Bilder einer idealen Staatsverfassung.... Diese sind der Literatur der Raiserzeit durchs aus fremd, wenn sie die Gegenwart tadelt, so geschieht dies nur im Vergleich zur rühm!- reichen Vergangenheit; der frische, hoffnungsreiche Ausblick in die Zukunft fehlt ihr gänz--