Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 167 Prof. Ar. Stern: Nie religiöse Reform liegt Tragik darin, daß zu diesen vielen auch die Rinder Mendelssohns gehören, der für das Judentum lebte, strebte, und bis zu seinem Tode kämpfte. Ls ist tragisch, daß von den Zeitgenossen Mendelssohns gerade viele seiner .größten Verehrer, denen man Idealismus nicht absprechen kann, seine Bestrebungen im .Stiche ließen. Die Ursache dieser tragischen Verkettung liegt zum Teil in der Art dex religiösen Reform, die durch das Wirken Mendelssohns in Mitteleuropa hervorgerufen würde, und die Folgen dieser Wirksamkeit -würden durch die bald nach seinem Tode beginnende französische Revolution vergrößert rmd vervielfältigt. Mendelssohn hat den Juden die Pforte -zur europäischen Rultur geöffnet, die franzö^- sische Revolution hat die mitteleuropäischen Juden mitten in die Rultur hineingeführt, und sie geben sich dieser Rultur hin, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß jede Eingabe ein Äufgeben des eigenen Wesens oder ejines -großen Teiles seines Wesens bedeutet. Dio Eingabe an die europäische Rultur bedingte zunächst eine religiöse Reform. Auch diese Periode, die ja in unsere Zeit hineinreicht, besitzt das messianische Ideal u. zw. einen dem Rationalismus angepaßten Messianismus: Das Judentum foll allen Menschen als Höhepunkt der europäischen Rultur von selbst einleuchtend werden durch seinen Inhalt und begehrenswert durch seine äußere Form, die Schönheit mit Einfachheit paaren wird. Darum religiöse Reform, die diese einfache schöne Form dem Judentum geben soll und alles, was der europäischen Rultur irgendwie widerspricht, streichen muß. Dann wären die Juden schon durch ihre Lxistenz allein die Missionäre der vollendeten Religion unter den Völkern. Liner der bedeutendsten und tatkräftigsten Vertreter dieser religiösen Reform der Aufklärungsxeriode ist der gebildete, gelehrte und idealgesinnte Rammeragent Jakobsohn, ein wahrer Schüler Mendelssohns, dem unsere Historiker nicht gerecht werden, am allerwenigsten Grätz, der ihn nur von Eitekkeit inspiriert sein läßt, und dem alle späteren jüdischen Historiker mehr oder minder nachssprechen. Grätz's Geschichte der Juden hat den großen Zug des mit dem Herzen schrei benden Historikers, sein Pathos ist echt, aber wie bei allen Großen hat nur jene Person bei ihm einen Stein im Brette, die einen Stein in seinem Brette bildet. Das religiöse Ideal des religiösen Rwtionalismus ist jedoch kein religiöses; er negiert, daß die Religion ein konstitutives Element der Rultur sei. Dieses Ideal ist ein vernünftiges, das Ideal der Intellektuellen und Vorurteilslosen, es führt zu irgend einer philosophischen, statt einer religiösen Welk- und Lebensanschauung. Die Religion kann aber nicht durch Philosophie oder Wissen-, schaft gänzlich ersetzt werden. Die Funktion der Religion — und dadurch wird sie eben ein konstitutives Element der Rultur — ist es, dem Leben Zusammenhang und Harmonie, den SHs zu geben. Dadurch bildet die Religion die Ergänzung der Wissenschaft, die durch den Erwerb neuer Erfahrungen das soziale und geistige Leben in neue Bahnen drängt, wofür immer auch neue Form und neuer Zusammenhang gefunden werden muß. Das leistet die Religion. Allerdings auch die Philosophie. Aber auch die Philosophie kann ebensowenig wie die Wissenschaft die Religion ganz ersetzen, weil die Philosophie nur die beschauliche Betrachtung der Welt und ihrer Erscheinungen ist. Die Welt ist aber nicht zum Betrachten und Anschauen für die Menschen da, sondern um auf sittliche Weise erlebt und gelebt zu werden, sie fordert die sittz-, liche Tat, und diese lehrt die Religion. Die sittliche Tat ist Gemüts- und nicht Vernunftsache. Reine Vernunft kann beweisen, daß man Vater und Mutter verehren und lieben