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Liberales Judentum · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 166

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Date
1914-08-01
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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o o 166 Prof. Nr. Stern: Air religiöse Reform Die Aufklärungsperiode, die in Lessing und Mendelssohn ihre vollendetesten und bezauberndsten Vertreter gesunden hat, hielt jedoch die Religion für kein konstitutives Element der Kultur; die jeweilige Religion oder Religionslosigkeit wäre nur eine Folge der jeweiligen Kultur eines Menschen. Die Religion galt der Äufklärungsphilosophie für eine individuelle und subjektive Meinung, so daß Friedrich der Große unter dem Beifall seiner Zeitgenossen den schönen Satz prägen konnte: „Hier muß ejn jeder nach seiner Fayon selig werden", d. h. um die Religion eines Menschen hat sich kein anderer zu kümmern, sondern nur um sein äußeres Tun. Lessing schrieb die „Erziehung des Menschengeschlechtes" und seinen ewig preiswürdigen „Nathan der Meise" und Mendelssohn schrieb sein „Jerusalem". Er hatte den Weg geiq funden, aus dem die Juden sich ganz der europäischen Kultur anschließen konnten, denn die Religion der Europäer ist etwas ganz Individuelles, ein von den Vätern veh-, erbtes heiliges Familien-- und Privateigentum, modern ausgedrückt: Privatsache, kein konstitutives Element der europäischen Kultur. Es komme bei Beurteilung und Schätzung eines Menschen nur aus sein Tun an und darum heiße es in der Bibel nirgends, du sollst dies oder jenes glauben, sondern immer nur, du sollst dies oder jenes tun, dies oder jenes nicht tun. Das Judentum habe keine Dogmen, die, ohne von der Vernunft begriffen zu werden, geglaubt Werden müssen, seine Glaubenssätze sind Vernunftwahrheiten. Das Iudest-, tum hindert darum keine Kultur, bestreitet keine wissenschaftliche Wahrheit und steht darum höher als jede Religion, die Dogmen besitzt. Dieser religiöse Rationalismus gehört fast her Geschichte an. Trotz der vielen segensreichen Wahrheiten, die er lehrte, wissen w,ir heute, daß er manches schief aus-, faßte und schief aussassen mußte, weil ihm noch her Begriff „Entwicklungsgeschichte", die große Errungenschaft unserer Zeit fehlte. Die Religion ist unleugbar ein konstitutives Element der Kultur, sodaß z. B. die Brah^ minen und Buddhisten mit ihrem NirvLna als Welterlösung und der dadurch bedingten Verachtung der Arbeit nie und nimmer die europäische Kultur geschaffen hätten. Möglich ist nur, daß die Religion ausgeschieden und ihre Funktion durch ein anderes konx-, stitutives Element ersetzt wird, wie z. B. in Japan geschehen ist und von den Jungtürken jetzt angestrebt wird, oder daß eine Religion durch eine andere ersetzt wird, wie es oft geschehen ist. Unleugbar muß auch das Sittengesetz irgendwie im Gemüt des Menschen verankert sein, entweder entwicklungsgeschichtlich, wie es der Darwinismus lehrt oder durch den Glauben an einen allmächtigen überirdischen Gesetzgeber und Richter, wie es die Religionen lehren. Das Sittengesetz ist nicht mit der Vernunft gegeben und etwä a priori trt seiner Ganzheit raum- und zeitlos vorhanden, sonst müßte es immer und überall ein- und dasselbe sein. Dies ist aber durchaus nicht der Fall, da z. B. bei den intellektuell so bevorzugten alten Griechen die Geschwisterehe erlaubt war, die bei uns zu den strengsten sittlichen Verboten gehört. Unleugbar sind ferner der Glaube an Gott, Jenseits, Lohn und Strafe keine Vernunftwahrheiten, da so viele der größten und schärfsten Denker an diese nicht glauben. Unleugbar endlich gehören Religion und Vernunftwahrheiten verschiedenen Gebieten menschlichen Seelenlebens an. Doch Mendelssohn hat den Juden die Pforten der europäischen Kultur geöffnet, und dafür verdient er unermeßlichen Dankwenn auch viele Juden, betäubt und geblendet vom großen Lichte, .in das sie eintraten, für das Judentum die Sehkraft und für seine gewaltige Höhe den Maßstab verloren hätten. Es

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