Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 165 Prof. Ar. Strrn: Air religiöse Reform Hunderte von Geboten und gegenüber der Verlegungdes Synhedriums die wenigen ganz unbedeutenden Tekanoth, die R. Jochanan zugeschrieben werden, sicherlich weniger positive Leistungen als unbedeutende Neuerungen! Das gerechte Urteil wird jedoch die Leistung R. Jochanans eine höchst positive nennen, denn sie bedeutet die Erhaltung des jüdischen Volkes durch die Religion und die Erhaltung der Religion innerhalb der Grenzen -der Möglichkeit oder, wie es etwas später die Talmudlehrer ausgedrückt haben: „Ulan kann einer Gemeinschaft keine Uebung auferlegen, bei der sie nicht bestehen könnte." Gab es doch zu jener Zeit solche Konservative, die in logischer Konsequenz ihres konservativen Standpunktes die Enthaltung von Fleisch und Mein forderten, weil, man diese nicht mehr opfern konnte. Aber die Reform mußte dort, wo die Existenz des Volkes in Frage kam, alles unberücksichtigt lassen, selbst Tradition und geheiligten Gebrauch. Das Leben ist stärker als die Theorie. Mir können das fruchtbare Prinzip R. Jochanans, den Grundsatz, von dem er sich in seiner Reform unbeugsam leiten ließ, klar und bestimmt formulieren. Ohne Judentum gibt es kein jüdisches Volk, ohne jüdisches Volk gib^ es kein Judentum, darum ist die Erhaltung des jüdischen Volkes ebenso wichtig wie die des Iuden* tumsunddie LrhaltungdesIudewtums ebenso wichtig wie die des jüdischen polkes. Für R. Jochanan und sicherlich auch für die Propheten wäre die Frage, was höher stehe: Jüdisches Volk oder Judentum, gleichbedeutend mit der Frage, was höher stehe: Vater oder Mutter. Die Frage sei noch beantwortet, warum wir von einer Opposition gegen das so radh, kale Vorgehen nichts vernehmen, da es ja auch damals Leute gegeben haben muß, die vom hergebrachten nicht abweichen mochten. Als alles überwältigende Autorität galt R. Jochanan schwerlich vom Beginne seiner Wirksamkeit an, w!enn er uns auch heute als solche erscheint. Mir dürfen ihn, das Haupt der Friedenspartej, der das gute Herz die beste Gottesgabe nennt, ferner nicht als Draufgänger und Demagogen uns vorstellen, vielmehr als einen Mann, der in milder Meise seine Anschauungen aussprach, zuerst im Kreise seiner Schüler und Verehrer, sonst aber jedem seinen Millen ließ, wie er ihn den Zeloten gelassen hatte; er polemisierte nicht. Seine Gegner, die ihm Opposition ge*, macht hatten, mußten aber verschwinden, weil die Verhältnisse, die er so gut verstand, stärker waren als sie. Da nun damals von den Lehrern nichts niedergeschrieben wurde, verschwanden mit den Gegnern R. Jochanans auch ihre Ansichten und Meinungen, die R. Jochanans hingegen wurden von den Schülern und Lehrern von Geschlecht zu Geschlecht überliefert. Mir hätten auch von den Zeloten nicht viel erfahren, wenn für ihre Geschichte der Talmud die einzige Quelle wäre. II. Mendelssohn und die nachmendelssohnsche Reform. Line zweite große und noch in unserer Zeit andauernde Reformperiode, nimmt von Moses 'Mendelssohn ihren Ausgang. Die dazwischen liegenden Reformversuche können Übergangen werden, weil sie entweder das Judentum nicht nachhaltig beeinflußten oder spurlos verschwanden. Der Sabbathianichj mus gehört auch zu diesen Reformversuchen. Moses Mendelssohn dachte nicht an eine religiöse Reform, er strebte eine soziale Reform der Juden an, er wollte die Juden der europäischen Kultur zuführen. Gehört aber die Religion nicht auch zur Kultur?