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Liberales Judentum · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 164

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Date
1914-08-01
Page
Seite 164 (sequence 8)
Language
German
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164 Prof. Ar. Stern: Nie religiöse Reform Die religiöse Reform. Von Prof. Dr. Simon Stern, Rabbiner in Saar. I. ,Die Reform Rabbi Iochanan ben S a f f a i s. vielleicht befand sich das Judentum feit der Zerstörung des Tempels und der Auflöfung der nationalen Selbständigkeit in keiner schwierigeren Lage als in unserer Zeit. Ivie damals all das, was das jüdische Volk bisher zusammengehalten hatte, zu Trümmern geworden war, wie damals die Bekenner einer neuen religiösen Anschauung einen Weg ins Herz der Volksangehörigen zu finden suchten und bei sehr vielen auch fanden, sehen wir heute das Zeremonialgesetz und die vom Talmud gemeisterte Lebensweise in Auslösung begriffen und neue, dKe Religion auszehrende Lebens- und Weltanschauungen im Kreise der Juden von Tag zu Tag mehr Anhänger gewinnen. Aber wie zu jener Zeit Rabbi Jochanan ben Sakkai und seine Anhänger nicht nur gerettet wurden, sondern auch neue Kraft gewännen, so wird es bei richtigem Vorgehen heute geschehen, man muß nur mutatis mutandis dem Beispiele Jochanans folgen. Wir können es uns nicht anders vorstellen, als daß er sich aller Schwierigkeiten bewußt die Frage vorgelegt hat: Was Lun? Wir können es uns nicht anders vorstellen, als daß dieser schöpferische und geniale Wann im Geiste das Ideal sah, das zu verwirklichen die Aufgabe der nächsten Zukunft war. Aus den ihm zugeschriebenen Einrichtungen (jO Tekanoth) erfahren w,ir, daß er von der Hoffnung getragen wurde, den Tempel bald in seinem früheren Glanze ausgerichtet zu sehen, und aus den über ihn überlieferten Erzählungen erkennen wir, daß ihm die Lr'-z Haltung der Religion das wichtigste Moment war, weil sie dem Volke — Volk als Kollek-, tivum genommen — die Existenzberechtigung und Lxistenzmöglichkeit bewahrte. Er' stand dadurch im Gegensatz zu den Zeloten, die sich den Bestand des Volkes ohne nationale Selbständigkeit nicht vorstellen konnten. Derselbe Gegensatz tritt uns schon einmal 650 Jahre früher in der Geschichte Judäas entgegen, als der Prophet Jeremia im Widerspruche mit der damaligen Hof- und priesterxartei die Unterwerfung unter Nebukadnezar und die Bewahrung des Glaubens- und Sittengesetzes als einigendes Band der Juden forderte. Wan gab Jeremia wie R. Jochanan zu ihrer Zeit unrecht; sie behielten aber beide recht. Das Ziel und das Ideal beider war der Messianismus, der beidemal der Zeit entsprechend ausgebildet erscheint. Der Weg zur Erreichung des Zieles war für beide die Erhaltung des Volkes durch die Religio?: und durch die Betätigung der Religion, d. h. die Ausübung der religiösen Vorschriften innerha lb der Grenzen der Möglichkeit. Wenn man zu R. Jochanans Zeit mit unserem Wortschätze operiert hätte, wäre ihm der Vorwurf, ein radikaler Reformer zu sein, nicht erspart geblieben, man hätte auch von ihm gesagt, daß die Reform nur die Negation kenne, fjat er ja mit einem Federstriche fast die Hälfte der biblischen Gebote als vorläufig obsolet erklärt: die Gebote, die auf das heilige Land, den Opferdienst und das Priestertum Bezug Haben; die Tempelstätte hat er durch Verlegung des Synhedriums nach Jabneh freiwillig um eine ihrer wichtigsten Weihen gebracht und die Tradition zerrissen, Hätte es damals eine Orthodoxie in unserem Sinne gegeben, so wäre diesem Reformer der bittere Vorwurf nicht erspart worden, daß er eine neue Religion gründen wälle. Was bedeuten auch gegenüber der Aufhebung der

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