Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Fudwig Geiger: Hrrman Veit Simsn 163 Anteil. Lr wär, so oft es ihm feine Zeit gestattete, bei ihren Tagungen anwesend, z. B. in Nürnberg unjb in ppfen. Tr arbeitete eifrig mit an den ^/Richtlinien", und seine tief im innersten ZOefert begründete Ueberzeugung betätigte er dadurch, daß er nicht bloß für die Stärkung freisinniger Ueberzeugung, sondern für die Kräftigung religiösen Empfindens mutig eintrat. Aber wo er sich auch sonst bei jüdischen Angelegenheiten beteiligte, war er kein bloßes Statist, vielmehr überall Begründer, Anreger und Führer: in dem Antizionistenkomitee, im Lzilfsverein für jüdische Studierende, in der Zunzstiftung, im Kuratorium der Lehranstalt des Judentums. Auf seine Initiative sind in allen diesen Vereinen, auch in den X>erU waltungskommis sionen der jüdischen Gemeinde, an denen er sich betätigte, wichtige Maßregeln zurückzuführen. Die Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums, in deren Kuratorium sein Vater jahrelang als SchaGmeifter mjtt Erfolg gewirkt hatte, hat unter seiner zielbewußten, immer nur der Sache, nie seiner person, gewidmeten Leitung einen ungeahnten Aufschwung genommen. Ihr galten vor allem sein Eifer, seine Tätigkeit und seine Liebe. Denn wo er wirkte, tat er es nicht bloß mit dem verstand, sondern mit dem Kerzen. Treue und Liebe, pietät und inniges Mitempfinden, die er vor allem seiner Familie und seinen Freunden weihte, begleiteten ihn in seinem Wirken auf humanitärem Gebiet, machten ihn zum treuen Sohne seiner Religion, zu einem echten Priester in seiner vielseitigen Tätigkeit. Im Vollgefühl des Schaffens, ohne irgend eine Abnahme der Kraft, ohne eine Ahnung seines frühen Todes, ist er dahingegangen. Im Februar dieses Jahres, da er zur Erholung in Meran weilte, wurde er von einem herben Schicksalsschlage getroffen, dem plötzlichen Tode seines jüngsten Sohnes, auf den er große Hoffnungen gesetzt hatte. Er raffte sich mit einer beispiellosen Zähig'-, keit aus diesem entsetzlichen Leide auf und arbeitete mit rastloser Energie. Lr pries es dankbar als ein hohes Glück, daß ihm diese außerordentliche Kraftenffaltung möglich gewesen war. Am Juli reiste er mit seiner Gattin zur Kur nach St. Blasien. Die reine Luft, die bequemen Spaziergänge taten ihm wohl. So intensiv er auch seiner Erholung lebte, die Arbeit konnte er nicht lassen. Noch am letzten Tage seines Lebens diktierte er mehrere Stunden lang an einem großen Gutachten. Am Nachmittage besuchte er noch eine Ausstellung, plauderte, wie es sejne Art war, liebreich, gütig, friedlich mit seiner Gattin, plötzlich sank er leblos um, ohne Schmerz, ohne Ahnung des tötlichen Schlages. Liner unserer Besten ist mit ihm ge-, storben. Lin reiches, tiefes, vielseitiges Wissen, eine Fülle von Kraft, eine Unendlichkeit von Liebe und Treue, ein sonniges, Hellen Glanz um sich verbreitendes Gemüt ist mit ihm dahingegangen. Lr war ein Stolz aller derer, die sich die Seinen nennen durften, von allen Stätten, an denen er wirkte, tönt dje bange Frage: ,Wer soll und kann ihn ersetzen?" Wir aber, dje ihm am nächsten standen, sind wie betäubt und verwaist. In dem tiefen Schmerz kann uns nur die Erinnerung auf-, recht erhalten, ihn besessen zu haben, kann uns nur das Gelöbnis erheben, in seinem Sinne weiter zu wirken, sein Andenken heilig zu halten und mit unserer schwachen Kraft die Ideale zu fördern, denen er bis zum letzten Atemzuge treu und stark, edel und tapfer gedient hat.