Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Fu-rvig Geiger: Hrrman Veit Kirnan 159 Und nicht wir allein, nicht wir Juden allein empfinden so; die feindlichen Stimmen draußen sind verstummt, die große Zeit findet ein großes Geschlecht. Alles enge und klein,e fällt von uns ab, das ganze düstere Gewebe von Eitelkeit und Ligensucht, zerreißt, die edelsten schlummernden Kräfte der deutschen Natur werden wach und reißen uns alle empor über unsere niedrige Alltäglichkeit und lassen die großen Heldengefühle und die heroischen Tugenden wachsen. Der ideale Kern des deutschen Wesens hat seine Schale abgeworfen und leuchtet in stillem wunderbaren Glanze. Das ist der erste große Sieg den Deutschland — vor dem Sieg in blutiger Feldschlacht — errungen. Und dieser Sieg über uns selbst gibt uns, mehr noch als das Bewußtsein der Gerechtigkeit unserer Sache, das hohe moralische Krastgefühl, das in sich die Gewißheit trägt: Mit uns ist Gott, mit uns ist der Geist der Sittlichkeit und der Wahrheit. „Ja, du Herr, bist bei mir, du bist mein Schild und meine Wehr, du schützest meine Lhre und richtest mir das Haupt empor. Nicht bang' ich vor Myriaden Volkes, die rings sich gegen mich geschärt. Bei Gott ist unsere Hilfe, dein Segen, Gott, über dein Volk! Sela!" kierman Veit Simon. von Cudroig Geiger. erman Veit Simon, der so jäh aus dem Leben geschiedene ausgezeichnete Mann, wurde am 8. Mai 1(856 in Berlin geboren. Auch bei ihm. wie bei so vielen bedeutenden Menschen bekundete sich der Einfluß der Eltern, des Vaters Berthold Simon und der Mutter Therese geborenen Schneider, wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, das Glück gehabt hat, im brause dieses würdigen Haares, das sich früh in Liebe verbunden hatte und eine vorbildliche Ehe führte, zu verkehren, wer wie ich dort wie ein Kind auf- -genommen worden ist, denkt mit Rührung und Wonne an dieses Haus und an die Personen, die ihm vorstanden. Der Vater, Lhef des Bankhauses Gebrüder Veit & To., ein hochangesehener bedächtiger Kaufmann von makelloser Redlichkeit, unermüdlich fleißig und umsichtig in seinem Berufe, empfänglich für allgemeine und jüdische Interessen, wie ein wahrer Patriarch in seinem Hause waltend, streng, wo es not tat, aber nülde und SÜtig, sobald er seinem Herzensdrange folgen konnte; die Mutter geistig beweglich, von schlagfertigem Witz, eine treffliche Hausfrau, mit Anmut und würde die Ehrerbietung ihrer Hausgenossen und Gäste erlangend, ohne das Streben, sie erzwingen zu wollen, von wahrhaft erfrischender Güte, eine Frau, die nur ihren Kindern, ihrem Hause und ihren Freunden lebte. von dem Vater überkam dem Sohne die emsige, pflichtbewußte, redliche und zielsichere Tätigkeit, von der Mutter der Geist und der goldene Humor. Herman Veit Simon verlebte eine glückliche sonnige Jugend. Er genoß den innigen Reiz des Familienlebens in seinem ausgebreiteten Verwandtenkreise, dem eine würdige Großmutter lange Zeit als verehrte Seniorin Vorstand, er lebte eng verbunden mit seinen Geschwistern, die ihn als Haupt betrachteten, von den Eltern als der Aelteste und als einer, dessen reiche Begabung sich früh zeigte, anerkannt und mehr als ein Genosse denn als Kind behandelt, ohne daß er sich dadurch gegen die Geschwister überhob oder je einen Mangel an Pietät gegen die Eltern zeigte. Er besuchte das Gymnasium zum grauen Kloster, das er mit Glanz absolvierte und als