Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Ar. C. Seligmann: In schicksalsschwerer Zeit Dennoch .übergießt mich ein Grauen, da sie vorhanden ist und geschehen, da ich erfüllt muß vor Augen schauen, was ich in ahnender Furcht nur gesehen. All mein Blut ■ in den Adern erstarrt vor der gräßlich entschiedenen Gegenwart." Schon sind die eisernen Würfel gefallen, schon haben sich blühende Jünglinge und Männer in der Kraft der Jahre, Söhne, Gatten und Väter, aus den Armen der Liebe gerissen, um dem Fahnenruf des Vaterlandes zu folgen, und die Brust todesmutig dem tückischen Blei darzubieten, schon lodert an den Grenzen der Kriegsbrand empor, schon hat sich esne ungeheure Umwandlung allen Verkehrs und öffentlichen Lebens vollzogen und vollzieht sich vor unseren Augen von Tag zu Tag immer mehr: der Bauer verläßt den Pflug, der Handwerker die Werkstatt, der Kaufmann das Geschäft, der Beamte die Stätte seiner Tätigkeit, der Lehrer die Schule, der Student die Hörsäle. Ganz Deutschland, sonst von rastlosem Fleiß friedlicher Bewohner erfüllt, ist heute von der Maas bis an die Memel, von der Ltsch bis an den Belt in ein einziges Heereslager verwandelt. Und in allen Kerzen ein Schlag, in allen Seelen ein einmütiger Gedanke, alle Unterschiede wie durch einen Zauber hinweggeschmolzen vor dem heißen Vaterlandsgefühl. Bürger und Bauer, Adel und Volk, Herr und Knecht, Meister und Geselle, Arm und Reich, Jude und Christ — alle nur von einem Hochgefühl beseelt, alle nur von einer Kraft getragen, alle nur einen Ruf vernehmend, den Ruf von des Vaterlandes Not und Gefahr. Lin Sturm durchbraust, wie vor hundert Zähren, das deutsche Land. Kein patriotischer Taumel, kein künstlicher Rausch, kein lauter Kriegsjubel, sondern eine stille ernstentschlossene Kraft, ein hinreißender nationaler Schwung, eine todesmutige, zum höchsten Opfer bereite Begeisterung. Das ganze deutsche Volk sieht mit ruhiger Entschlossenheit-der Notwendigkeit ins Angesicht und entfaltet eine wunderbare zielbewußte Tatkraft und wandelt jeden Vater zu einem Abraham, der seinen Sohn hingibt zum heiligen Opfer und wandelt jede Mutter zu einer heldenhaften Makkabäermutter und gießt in jeder Gattin Brust heroische Opferkraft und reißt die Zugend fort „mit Sturmeswehn, für's Vaterland in Kampf und Tod zu gehn" und läßt von einem heißen Drang die Kerzen alle wallen: sich hinzugeben für das eine, von dem wir in diesen schicksalsvollen Tagen fühlen, daß es alles andere aufwiegt: für den Bestand und die Lhre unseres deutschen Vaterlandes. Denn das wissen wir alle, daß es in diesem uns aufgezwungenen Krieg um alles geht, um Haus und Hof und Weib und Kind, um den Fortbestand der deutschen Kultur, des deutschen blühenden wirtschaftlichen Aufschwungs, um alle idealen und materiellen Güter, die unter dem Schutz des mächtigen Vaterlandes gedeihen. Und das fühlen wir deutsche Zuden in dieser Stur'mzeit der Empfindungen, die alle Tiefen unserer Seele aufwühlet: Wir deutsche Zuden sind — trotz allem was an bitteren Erfahrungen sich in uns angehäuft hat — mit Herz und Seele, mit Leib und Leben, mit Gut und Blut unlöslich mit unserem deutschen Vaterland verknüpft. Deutschlands Lhre ist unsere Lhre, Deutschlands Schmach ist unsere Schmach, Deutschlands Not ist unsere Not, Deutschlands Sorge ist unsere Sorge, Deutschlands Schmerz ist unser Schmerz, Deutschlands Zorn ist unser Zorn, Deutschlands Innerstes Erleben ist unser innerstes Erleben. Lin überwältigendes allgewaltiges Bewußtsein erfüllt unser ganzes Sein, das Bewußtsein der großen wunderbaren Einheit aller deutschen Menschen, das Zurückebben aller künstlich gewordenen und gehegten Sondergefühle und Sonderbestrebnngen.