Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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überdies Judentum lTlonatsTchrift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffchland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. M. No. 8. Jokrgang 6. flugutt 1914. Jn fchicktalsfdmierer Zeit. Von Dr. C. Seligmann-frankfurt a. M. nsere Zltonatsfdnnft, getreu ihrer Tendenz, ein Organ für die religiösen Interessen des Judentums zu sein, hält sich sonst grundsätzlich fern von den politischen Tagesfragen und Kämpfen. Sie will den Ewigkeitswerten der Menschheit und der religiösen Entwicklung des Judentums dienen. Sie lehrt irrt Geiste des Judentums die Gotteskindschaft aller Menschen und glaubt an die göttliche Bestimmung der Menschheit, dem messianischen Friedensideale durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe immer näher zu kommen. In geistigem Ringen und Kämpfen will sie mitstreiten helfen in den Schlachten, die zum Siege religiöser Wahrheit führen sollen. Aber wenn die Grundsäulen unserer Welt schwanken, wenn das weltgeschichtliche Schicksal uns aus allen unseren Verhältnissen reißt und jeden anderen Gedanken als an das ungeheure Erlebnis der Gegenwart aus unserer Seele reißt — wie vermöchten wir zu schweigen in dieser schicksalsschweren Zeit von dem, was uns alle bis ins innerste Mark ergreift und aufrührt? wie vermöchten wir von etwas anderem zu reden als von dem, was durch den Abschied unserer Söhne, unserer Männer, unserer Väter, was durch die Rüstungen zur Abwehr des Feindes und zur Abwehr der drohenden wirtschaftlichen Not, was durch jede bang erwartete und in atemloser Spannung erlauschte Botschaft von dem blutigen Schauplatz der Ereignisse uns immer wieder ins Gedächtnis zurückgerufen wird? Line furchtbar ernste, schicksalsschwere Zeit, wie sie zu erleben nur wenigen Generationen der Menschengeschlechter gegeben ist, unrauscht uns mit eisernem Flügelschlag. Aufgewühlt bis in seine tiefsten Tiefen ist unser Sein. Aus allen ihren Träumen ist unsere Welt gerissen. Unsere stille selige Hoffnung auf den nahenden Tag des großen Völkerfriedens eingesargt! Im Sturmwind und Feuer schreitet die Gottheit über die Erde. Des Friedens heilige Ordnungen hinweggeschwemmt vom gewaltigen Rriegeswogen! woran wir nicht glauben wollten und nicht glauben konnten, was wir mit furchtbarem Grauen nur wie ein ängstigendes Gespenst der Zukunft vor Augen sahen, wovor wir dunkel gebangt, und was uns doch im Innern nur war wie ein Gedanke, mit dem man spielte — es ist Wirklichkeit, freilich für uns noch kaum faßbare, betäubende Wirklichkeit geworden. „Längst wohl sah ich im Geist mit weiten Schritten das Schreckensgespenst herschreiten dieser entsetzlichen, blutigen Tat.