Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 155 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Kücherschau 155 Bücherfchau. Nslksschriften über die jüdische Neiigion, herausgegeben. von Dr. Ziegler-Karlsbad, II. Jahrgang. 3. Heft: Die Mischna von Dr. Samuel Krauß - Wien. 57 5. H. Heft: Der Talmud von Dr. Simon Bernfeld-Berlin. 55 S. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. ITC. 19^3/19^. In einem Unternehmen, das sich die Aufgabe gesetzt hat, den breiten Massen die Kenntnis der jüdischen Religion, ihrer Quellen und ihrer Lehren näherzubringen und insbesondere die jüdische Intelligenz durch die Vermittlung solcher Kenntnisse zu dem umzuschaffen, was sie in Wahrheit sein soll: ein Führer der modernen Iudenheit, darf eine Darstellung der Mischna und des Talmuds üicht fehlen. :Sie muß sogar einen ersten Platz einnehmen, denn beide, Mischna und Talmud, haben ja dem Judentum ein so unauslöschliches Gepräge aufgedrückt, daß selbst die Reformer den Geist des rabbinischen Judentums nicht etwa auslöschen mochten, sondern an ihre Aufgabe mit dem Bewußtsein herantraten, daß sie nur Motive, die bereits der Talmud und die Rabbinen angeschlagen haben, weiter fortführten. Die Aufgabe, dem Juden von heute das Wesen von Mischna und Talmud verständlich zu machen, wird besonders schwierig dadurch, daß der moderne Jude in der Regel von beiden Werken, und vor allem von der inneren Art ihres Wesens keinerlei persönliche Kenntnis hat. Ich fürchte, daß infolge dieses Mangels bei jedem versuch einer Einführung in Mischna und Talmud ein letzter Rest von Unerklärbarem übrig bleiben wird, und daß gerade das Besondere, das Intimste dieser beiden in der Weltliteratur ohne parallele dastehenden Werke für den, der sie nicht selbst studiert hat, unenthüllt bleibt. Es wäre die erwünschteste Wirkung der beiden Hefte, wenn ihre Leser durch sie angeregt würden, Mischna und Talmud selbst kennen zu lernen, indem sie zunächst eine ihrer Uebersetzungen zur Hand nehmen, um durch sie einen Einblick in die Bücher selbst und in ihre eigentümliche Darstellungsart zu gewinnen. Man hat bei der Lektüre der Hefte an manchen Stellen den Eindruck, daß es immerhin möglich gewesen wäre, den Gegenstand noch volkstümlicher zu behandeln, und daß Einzelnes straffer und klarer hätte zum Ausdruck gebracht werden können. Gerade bei diesem Thema darf nichts vorausgesetzt und nichts Ueberflüssiges gegeben werden. Beide Hefte zusammen zeichnen, rasch nach einander gelesen, ein schönes Bild von dem innigen verwobensein der Tradition mit der Bibel, von der Verknüpfung der volkssitte mit dem willen, die Thora zum Urgrund aller Lebensverhältnisse zu machen; sie gewähren einen Einblick in das allmähliche werden der mündlichen Lehre, deren Niederschlag Mischna und Talmud sind, und unterrichten über dje Männer, welche die Träger der mündlichen Lehre waren; sie führen ein in das Verständnis der wunderbaren Mischung von Konservativismus und Entwicklung, die in der gesamten mündlichen Lehre zum Ausdruck kommt, und des Einflusses, den Mischna und Talmud auf die Gestaltung der jüdischen Religion und auf die Prägung der Eigenart des jüdischen Lebens ausgeübt haben. Besonders schön ist in dem Heft „der Talmud" die Darstellung der „Agadah" wie sie die Frömmigkeit vertiefte und Sittlichkeit weckte, und wie ihr Vortrag durch die zwanglose Form der Darstellung fesselte und das Interesse des Hörers gefangen nahm. Der Schilderung des Wesens und Werdens des Talmuds folgt ein kurzer Abriß der mannigfachen durch das ganze Mittelalter bis in die Neuzeit sich fortsetzenden Bemühungen, den Talmud zu erklären und durch Auszüge dem Volke ver-