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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 154

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 154 (sequence 38)
Language
German
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154 Ar. Gelles: Ein Vorschlag zur Sabbat-Heiligung Besuchern eine beträchtliche Anzahl anderer Gemeindemitglieder die Synagogen füllen und erst hierdurch dem Gottesdienst den würdigen Rahmen geben. So viel Zeit kann jeder noch erübrigen, um einmal in Wochen den Schritt zur Gottesstätte zu lenken, und freudig wird es auch jeder tun in dem Bewußtsein, durch seinen Besuch zur Verschönerung des Gottesdienstes beizutragen. Um nicht den Gottesdienst eingehen zu lassen, wird jeder sich selbst verpflichten, an seinem Sabbat die Synagoge aufzusuchen. Sache des Gemeindevorstandes wird es sein, die Gruppierung vorzunehmen und Donnerstag und Freitag durch den Gemeindediener diejenigen Herren zu erinnern, auf deren Besuch man am Sabbat rechnet. wie aber gewöhnen wir die Jugend an den Besuch des Sabbatgottesdienstes? Der Zugendgottesdienst ist nur ein Notbehelf, und doch fehlt dem Religionsunterricht die Umsetzung ins praktische, wo er nicht durch den Gottesdienst ergänzt wird, wie wäre es nun, wenn wir an den höheren Lehranstalten eine Religionsstunde auf Sabbat vormittag von 9 bis ^0, eine zweite für eine andere Klasse von ^0—U Uhr legten und beide durch den Gottesdienst ersetzten? So geben wir zwei Klassen — natürlich wird man die stärksten zu wählen haben — die Möglichkeit, während einer Stunde am Gottesdienst teilzunehmen. Das ausgefallene Pensum wird natürlich in den von den Gemeinden unterhaltenen Religionsschulen nachzuholen sein. Daß auch die Garnisonkommandos den jüdischen Soldaten am Sabbat vormittag 2 Stunden freigeben, wenn es sich mit dem Dienst vereinbaren läßt, haben bereits mehrere Fälle bewiesen. So ließe sich der Besuch des Gottesdienstes am besten organisieren; so wäre ein für allemal die Furcht beseitigt, daß eines schönen Tages der Gottesdienst wegen zu inangelhaften Besuches nicht ftattfinden kann. Angenommen nun, daß die Gemeindemitglieder in vier Gruppen den Sabbatgottesdienst regelmäßig besuchen, so wird eine jede von ihnen den Sabbat haben wollen, an welchem eine predigt stattfindet. Daher muß jeder Sabbatgottesdienst so beschaffen sein, daß er den Besuchern, wenn auch nicht eine predigt, so doch etwas ihr Aehnliches bietet. Ich denke daher an folgenden Vorschlag: An den Sabbaten, an welchen keine predigt gehalten wird, ist die Verlesung des prophetenabschnittes — die, bekanntlich später und als Notbehelf eingeführt wurde — durch eine \0—\5 Minuten dauernde Schrifterklärung zu ersetzen. So nimmt jeder Beter ein Wort der Erbauung und Belehrung mit auf den weg. Keineswegs handelt es sich hier um eine prinzipielle Abschaffung des Prophetenabschnittes. An Sabbaten und Festtagen, an welchen eine predigt oder eine Barmizwahfeier stattfindet, soll er beibehalten werden. Man wird diesen Vorschlägen eine gewisse Inkonsequenz zum Vorwurf machen wollen durch die Unterschiedlichkeit der Sabbatheiligung, in den Groß-, Mittel- und Kleingemeinden. Aber es gehört zuweilen eine große Portion Inkonsequenz dazu, nur konsequent zu sein, wer sich von dem Gedanken leiten läßt den Sabbatgottesdienft unter allen Umständen zu retten, der rettet ihn in jeder ihm annehmbaren Form, ob sie nun in der Kleinstadt so, in der Mittelstadt anders und in der Großstadt ganz entgegengesetzt aussieht. Ihm geht das Ziel über alles! Und fo soll auch dieser Vorschlag nicht die Kluft zwischen Liberalismus und Mrthodoxie vertiefen, sondern im Gegenteil überbrücken; er soll alle, die es mit dem Judentum und seiner Religion ernst meinen, aufrufen, mitzuarbeiten an dem großen Rettungswerk unserer heiligsten Güter aus der Bedrängnis unserer Tage.

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