Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 153 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Ar. Gelles: Gin Nsrschlag zur Sabbath-Heiligung ' Sabbat zu ruhen und die Seinen dadurch dem junger auszusetzen. Zweitens sind es solche persönlicher Natur. Das heutige Geschlecht wuchs in der Zeit heran, in der der Liberalismus sich mächtig entfaltete, in welcher manche der A n s i ch t waren, daß die Auflösung der deutschen Iudenheit nur noch eine Frage der Zeit sei. Demzufolge litt die religiöse Unterweisung so sehr, daß heutzutage die Unkenntnis in Dingen der jüdischen Religion etwas ganz Selbstverständliches geworden ist. Lin dritter Grund liegt im Gottesdienst selbst. Wie lassen sich die aus diesen Gründen resultierenden, für den Besuch des Gottesdienstes schädlichen Folgen beseitigen oder mildern? wer würde es lieber sehen als der Rabbiner — gleichwohl welcher Richtung er angehört —,- wenn sich der Sabbat in der vorgeschriebenen weise feiern ließe? Lmpsindet er es nicht am tiefsten, am Sabbat zuweilen mehr Bänke als Besucher der Synagoge zu sehen? Und doch wäre es eine verhängnisvolle Verkennung der ganzen Sachlage, wollte er die Glaubensbrüder in der Frage der Sabbat-Heiligung vor ein entweder oder stellen, ihnen zurufen: „Entweder ihr haltet den Sabbat ganz, und nur dann seid ihr Juden oder — ihr gehört nicht mehr zu uns, so ihr den Sabbat entheiligt." wer sich auf diesen Standpunkt stellt, - läßt sich von seiner Begeisterung für das Gottesgesetz so Hinreißen und blenden, daß ihm der Blick für die realen Dinge verloren geht. Ls heißt hier-also „vermitteln". Und der Göttesdienst eignet sich am besten zur Vermittlung. Lr steht zwischen der unbeugsamen Mahnung der heiligen Schrift, den Sabbat zu feiern und der Unmöglichkeit unserer Zeit, dieser Aufforderung gänzlich nachzukommen. In ihm müssen sich also begegnen Theorie und Praxis, grundsätzliche Anschauung und Nutzanwendung. Grundsätzlich nehmen wir weiter den alten Standpunkt ein und verlangen, daß der Sabbat vollkommen in der vorgeschriebenen Weise zu feiern und zu heiligen ist, wo es sich nur ermöglichen läßt. In der Praxis stoßen wir Niemanden in häßlicher Unduldsamkeit von uns, der das Gebot nicht in der gewünschten Form erfüllt, aber auch von ihm verlangen wir — und so komme ich zuin Kern meines Vorschlages -—, daß er während der Zeit des Gottesdienstes feiert. Da die Großgemeinden infolge ihrer großen Seelenzahl meistens einen — zwar nicht relativ, sondern nur absolut — starken Synagogenbesuch haben, kommt für diese die hier behandelte Frage nicht in Betracht; will sie doch nicht dem Sabbat eine neue Gestalt geben, sondern nur den Besuch des Gottesdienstes fördern und heben. Aber in den Klein- und Mittelgenieinden läßt sich mein Vorschlag ohne irgendwelche Schwierigkeit anwenden, wenn in den Kleingemeinden, die doch fast immer in Kleinstädten sind, am Sonnabend vormittag von 6—V2IO Uhr gebetet wird, und in dieser Zeit alle Geschäfte geschlossen sind, wird der Gottesdienst regelmäßig stattfinden können, ohne der Befürchtung preisgegeben zu sein, er müsse ausfallen, weil nur 9 Männer sich eingefunden haben. Die Andersgläubigen werden sich nicht darüber wundern, wenn die jüdischen Geschäfte für IV2 Stunden geschlossen bleiben; sie werden sich daran gewöhnen und sicherlich Achtung davor empfinden. Weit schwieriger gestaltet sich die An- ' Wendung meines Vorschlages auf Mittelgemeinden. lhier wird man es kaum erreichen können, daß die. Geschäfte auch nur für fl/2 stunden schließen. Und wie läßt sich trotzdem der Besuch . des Gottesdienstes heben? Man teile die Gemeindemitglieder in Abteilungen und mache es jeder zur Lhrenpflicht, wenigstens ein einziges Rkal im Monat den Sabbatgottesdienst zu besuchen. So wird außer den regelmäßigen