Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 150 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Hermann Unikswer: Are rakte r." XOas unter Gottes „Abbild" gemeint ist, verstehen wir, wenn wir das Urbild kennen. Das Urbild aber ist eine geistige Einheit (adaunoi echod); also ist in diesem Schöpfungssxruch ausgedrückt, daß der Mensch nach dem göttlichen plane auch eine Art geistige Einheit werden solle. Ebenso verstehen wir den Ausdruck „entsprechend unserm Charakter", wenn wir über den Begriff „Charakter Gottes" im klaren sind. Als Schöpfer der Welt ist Gott ihr Herrscher, und so soll auch der Ulensch eine Art Herrscher werden, und zwar soll er „herrschen über Seegetier, über Geflügeltes des Fimmels und über Vieh, kurz über alles Irdische, besonders aber über alles Gewürm, das kriecht auf der Erde." Daß der Ulensch auch Herr des Wassers, des Sturmes, der Luft oder Irgend einer Naturkraft worden solle, wird hier nicht gesagt; nur über „Tiere" soll er herrschen. Es handelt sich hier aber garnicht um ein Beherrschen der äußeren Natur, sondern um ein Beherrschen der irdischen, sinnlichen Natur des Alenschen selber, also um ein Selbstbeherrschen. Unter den Tieren, über die der Ulensch herrschen soll, sind nämlich die sinnlichen Triebe zu verstehen; und die verschiedenen Arten von Tieren, die hier aufgezählt werden, bezeichnen ver/- schiedenartige Triebe, die an der Erde kriechenden Tiere aber die niedrigsten und darum wirksamsten Triebe. Zudem nun der Ulensch Herrscher über seine Triebe, Aber seine Sinnlichkeit, kurz über das Irdische in ihm wird, wird er eine Art geistige Einheit, ein Abbild der geistigen Einheit Gottes. Solange der Ulensch ein solcher Herrscher nicht ist, bildet er statt einer geistigen Einheit eine körperliche Zweiheit, einen irdischen Dualismus: Ulann und Weib. Das herrschen über den körperlichen Dualismus, der nur der Erhaltung Der „Art" dient, unterscheidet den Aufgabe der Menschheit Ulenschen vom Tiere und erhebt ihn übev dieses. Darin liegt die vorzügliche Aufgabe des Ulenschen, daß er über diesen tierischen Standpunkt der körperlichen Zweiheit sich erhebe?) Denn eine körperliche Zweiheit „Ulann. und Weib" ist das Tier auch. Beim Tiero ist dies aber der Endzweck, es ist ja „nach seiner Art" geschaffen; das Tier ist in dieser seiner Geartung etwas fertiges. Der Ulensch dagegen ist nichts Fertiges, nichts Abgeschlossenes, vielmehr oin Wesen, das dio Möglichkeit zu fortwährender Entfaltung und Entwickelung über sich selbst hinaus in sich trägt; er ist, wie Nietzsche sagt, etwas, was überwunden werden muß, kurz er ist ein Problem? „Gätt schuf den Menschen als sein Abbild, als ein Abbild jGottes erschuf er ihn (nämlich als eine Art geistige Einheit; daher das Pronomen in der Einzahl), als Mann und Weib (als körperliche Zweiheit) hatte er sie erschaffen (hier ist der Mensch als eine Mehrheit, allerdings die kleinste Mehrheit, eine Zweiheit, aufgefaßt, also ist das Pronomen in der Mehrzahl gebraucht). Daß der so veranlagte Mensch seinem wahren Zwecke entspricht, ist in der Bibel mit den Worten ausgedrückt: „Gott segnete sie." Gewiß ist auch die Sinnlichkeit im Menschen von Bedeutung; denn ohne sie ist ja keine Vermehrung möglich. Daher muß auch sie zur Geltung kommen: „Gott sprach zu ihnen -(d. h. er bestimmte über sie): Seidfruchtbar und vermehret euch!" Za, dio Sinnlichkeit muß in vollstem Maße zu ihrem i) In der Erfassung dieser sittlich hohen Aufgabe als Zweck der Menschheit unterscheidet sich das Judentum von dem Heidentum, gegen das wir es in der Bibel fort und fort kämpfen sehen, weil das- Heidentum entsprechend der körperlichen Zweiheit des Menschen einen körperlichen Dualismus als Gottheit annimmt und diese in dem männlichen Baal- und dem weiblichen Astarte-Bild (aus Holz und Stein) durch Pflege der unsittlichen Sinnlichkeit, verehrt.